Betroffene miteinbeziehen: Partizipation wirksam gestalten
5. Oktober 2026 | 3 min. Lesezeit
Wer Armut erlebt, bringt Wissen ein, das Fachpersonen nicht ersetzen können. Partizipation kann Angebote und politische Massnahmen verbessern – wenn sie verbindlich geplant und sorgfältig umgesetzt wird.
Armutspolitik wird oft über Menschen gemacht, die von Armut betroffen oder bedroht sind. Doch wie können Armutserfahrene selbst an Lösungen mitarbeiten? Genau hier setzt Partizipation an. Sie bedeutet, dass armutsbetroffene und armutsgefährdete Personen bei der Ausgestaltung und Umsetzung von Massnahmen, Projekten und politischen Prozessen einbezogen werden – nicht als Betroffene am Rand, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealität.
Dieses Erfahrungswissen ergänzt das Fachwissen von Sozialer Arbeit, Verwaltung, Politik und Forschung. Eine armutserfahrene Person brachte es treffend auf den Punkt: «Ich weiss, wie es sich anfühlt, in Armut zu leben.» Dieses Wissen kann helfen, Defizite zu erkennen: etwa Hürden beim Zugang zu Unterstützungsangeboten, komplizierte Abläufe, Situationen oder Regelungen, die im Alltag nicht funktionieren.
Vom Anspruch zur Praxis
Die Nationale Plattform gegen Armut hat Partizipation bereits 2019 als wichtiges Thema für die Armutsprävention und -bekämpfung aufgenommen (lesen Sie hierzu das Interview «Das Bedürfnis, gehört zu werden, ist gross»). Seither sind in der Schweiz verschiedene Grundlagen entstanden: Modelle zur Partizipation in der Armutspolitik, ein Praxisleitfaden in mehreren Landessprachen und erste Erfahrungen aus konkreten Projekten.
«Nicht über armutsbetroffene Menschen zu entscheiden, sondern mit ihnen – darin liegt der eigentliche Mehrwert von Partizipation.»
Auch soziale Organisationen und Verwaltungen greifen partizipative Ansätze vermehrt auf. Armutsbetroffene Personen wirken beispielsweise in Beratungsgremien von Sozialdiensten mit, bringen ihre Perspektive in kantonale Programme ein oder beteiligen sich an der Weiterentwicklung von Unterstützungsangeboten. Hinzu kommen punktuelle Weiterbildungsangebote an Hochschulen, in denen armutserfahrene Personen gemeinsam mit Fachpersonen aus sozialer Arbeit, Verwaltung, Politik oder Wirtschaft partizipative Kompetenzen stärken und Projektideen entwickeln.
Was Partizipation leisten kann
Gut umgesetzte Partizipation schafft Mehrwert auf mehreren Ebenen. Sie verbessert die Qualität von Angeboten, weil diese näher an den Lebensrealitäten der Menschen ausgerichtet werden. Sie stärkt die Zusammenarbeit zwischen armutserfahrenen Personen, Politik, Verwaltung und sozialen Organisationen. Und sie kann dazu beitragen, neue Lösungsansätze sichtbar zu machen.
«Erfahrungswissen ist kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung für bessere Lösungen.»
Damit dies gelingt, braucht es jedoch klare Rahmenbedingungen. Partizipation darf nicht symbolisch bleiben. Ebenso problematisch wäre es, Verantwortung einfach an armutsbetroffene Personen abzugeben, ohne ihnen echte Mitsprache, Ressourcen oder Unterstützung zu ermöglichen.
Zentrale Fragen vor dem Start
Partizipative Projekte sollten deshalb möglichst früh gemeinsam mit den beteiligten armutserfahrenen Personen geklärt werden. Besonders wichtig sind folgende Fragen:
- Handlungsbereich und Ziele: Woran sollen armutsbetroffene Personen mitwirken – und mit welchem Ziel?
- Intensität: Geht es um Rückmeldungen, Mitentwicklung oder echte Beteiligung an Entscheidungen?
- Verantwortung: Wer trägt die Projektverantwortung? Liegt sie bei einer Institution oder wird sie gemeinsam getragen?
- Zugang: Wie werden armutserfahrene Personen erreicht und wer bleibt möglicherweise ausgeschlossen?
- Auswertung: Wann und wie wird überprüft, ob die Partizipation ihren Zweck erfüllt?
Wer diese Fragen sorgfältig klärt und transparent kommuniziert, schafft gute Voraussetzungen für wirksame Partizipation. So kann Erfahrungswissen nicht nur gehört, sondern für die Armutsprävention und -bekämpfung nutzbar gemacht werden.
Dieser Artikel erschien im «Caritas regional». Das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen erscheint zweimal jährlich.
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