Soziale & Rechtliche Unterstützung

Menschen mit Armutserfahrung sollen von Politik und Gesellschaft besser gehört werden. Der neu gegründete Rat für Armutsfragen will Betroffenen eine Stimme verleihen, die bis nach Bern hallt. Wir haben uns mit Projektleiterin Mirjam Zbinden unterhalten.

Andreas Reinhart: Mirjam Zbinden, warum braucht es den Rat für Armutsfragen?

Mirjam Zbinden: Menschen in vulnerablen Situationen haben grundsätzlich weniger Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Und sie kämpfen mit historischen Vorurteilen: Fachpersonen lösen Probleme, die Betroffenen haben wenig zu sagen. Bei Menschen mit Behinderungen oder Jugendlichen gibt es entsprechende Beteiligungsstrukturen – etwa die Behindertensession –, beim Thema Armut läuft bis jetzt das meiste lokal und sehr punktuell. Hier braucht es ein dauerhaftes, breit abgestütztes Mitsprachegremium.

«Der Rat kämpft mit historischen Vorurteilen: Fachpersonen lösen Probleme, die Betroffenen haben wenig zu sagen.»

Der Rat für Armutsfragen ist ein Novum für die Schweiz. Gibt es im Ausland Beispiele, an denen Sie sich orientieren konnten?

Bei der Entwicklung des Rats haben wir genau geschaut, was es im Ausland gibt. In Deutschland und Österreich gibt es Armutskonferenzen, die NGO-getrieben und niederschwellig sind. In Frankreich gibt es den «Conseil national des politiques de lutte contre la pauvreté et l'exclusion sociale» (CNLE). Dieser ist direkt in der öffentlichen Verwaltung verankert, also weit oben in der Hierarchie, was ihm eine willkommene Prominenz verleiht – dafür besteht wenig Spielraum für Gestaltung. Wir haben uns davon inspirieren lassen und zusammen mit Armutsbetroffenen und Fachleuten geschaut, was für die Schweiz passen könnte. Diesen Rat, den wir nun gemeinsam ins Leben gerufen haben, gibt es in dieser Form nirgends sonst.

Der Rat für Armutsfragen

Der Rat soll die politische Teilhabe von armutserfahrenen Menschen stärken und innovative Lösungen zur Prävention und Bekämpfung von Armut fördern. Zwölf armutserfahrene Personen mit Stimmrecht und sechs Fachleute mit beratender Stimme bündeln Erfahrungswissen und fachliche Expertise zu konkreten Lösungsansätzen zur Armutsbekämpfung. Gewählt wurden die Ratsmitglieder von einem unabhängigen Gremium, das die Nationale Plattform gegen Armut eingesetzt hat. Die Plattform wird gemeinsam von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden sowie Organisationen der Zivilgesellschaft getragen, so auch von Caritas Schweiz.

Zur Website des Rates für Armutsfragen Link öffnet in neuem Fenster.

Was macht es mit armutsbetroffenen Menschen, wenn sie sich auf diese Art politisch einbringen können?

Auf persönlicher Ebene ist es wichtig, gehört und gesehen zu werden. Viele Armutsbetroffene werden nicht gehört, Entscheidungen werden über sie hinweg gefällt. Ein Gefäss, in dem sie ihre Anliegen formulieren können, ist auch eine Art Empowerment. Die Hürde, sich als armutsbetroffen zu outen, ist hoch, und sich in der Welt von Verwaltung und Politik mit «Anzugträgerinnen» an einen Tisch zu setzen, braucht Mut und Geduld.

«Auf persönlicher Ebene ist es wichtig, gehört und gesehen zu werden»

Wichtig ist auch die Einsicht, dass der Rat nicht Lösungen für die individuellen Probleme der Mitglieder bereithält, sondern ihnen die Möglichkeit bietet, einen Beitrag zu besseren Strategien in der Armutsbekämpfung zu leisten. Armutsbetroffene sind ein wichtiger Teil der Lösung und müssen mit einbezogen werden. Im Marketing macht man das schliesslich schon lange so, wenn ein neues Produkt lanciert werden soll.

Wie schätzen Sie die Rolle von Vorurteilen gegenüber Armutsbetroffenen ein, wenn es darum geht, ob sich Armutsbetroffene öffentlich politisch äussern?

Der Rat ist ein wichtiges Instrument gegen Vorurteile in der Gesellschaft, da er durch sein Bestehen und seine Arbeit deutlich macht, dass armutsbetroffene Menschen etwas zu sagen haben und angehört werden müssen.

Damit Mitsprache von armutsbetroffenen Menschen gelingt, braucht es die richtigen Strukturen. Was sind Schlüsselfaktoren, die dazu beitragen, dass sich Menschen im Rat für Armutsfragen einbringen können und auch wollen?

Die Mitwirkung im Rat ist ein Ehrenamt, deshalb ist Zeit ein grosses Thema. Es ist kein niedrigschwelliges Engagement, gerade wenn Menschen sich in der prekärsten Situation ihres Lebens befinden. Wichtig sind ganz konkrete, praktische Massnahmen: Es gibt eine Sitzungsentschädigung, es werden Dolmetscher*innen vor Ort sein und die Reisespesen und bei Bedarf auch die Kosten für die Kinderbetreuung werden vergütet.

«Der Rat ist ein wichtiges Instrument gegen Vorurteile in der Gesellschaft: Er macht deutlich, dass armutsbetroffene Menschen etwas zu sagen haben.»

Wie arbeiten die armutserfahrenen Mitglieder mit den beratenden Mitgliedern zusammen und wie erreichen die Forderungen die Entscheidungsträger*innen in der Politik und Verwaltung?

Ein wichtiger Aspekt: Schon im Prozess der Entwicklung des Konzepts waren Fachpersonen dabei, etwa von der SKOS oder den Kantonen. Es ist eine gegenseitige Kennenlerntour vorgesehen, damit die externen Stellen von Anfang an eingebunden sind. Ausserdem stellen die im Rat als beratende Mitglieder vertretenen Fachpersonen Schnittstellen sicher und funktionieren als Wegbereitende, Türöffner und Multiplikatoren.

Können Sie schon ein Beispiel für ein Anliegen nennen, zu dem der Rat Stellung beziehen wird?

Die wichtigsten Themen werden in der Pilotphase gemeinsam ausgearbeitet. Die thematische Vielfalt ist gross; wir sind da mitten im Prozess. Menschenwürde und Partizipation sind auf jeden Fall zentrale Themen.

12

Armutserfahrene Personen mit Stimmrecht

6

Fachleute mit beratender Stimme

2028

Ende der Pilotphase

Der Rat befindet sich aktuell in der Pilotphase. Was muss aus Ihrer Sicht bis 2028 passiert sein, damit Sie dann sagen: Ja, es lohnt sich, den Rat weiterzuführen?

Es lohnt sich auf jeden Fall – das Bedürfnis, gehört zu werden, ist gross. Wir haben viele Bewerbungen und Anfragen zur Zusammenarbeit erhalten, übrigens auch von Organisationen und Behörden. Wir sehen hier viele offene Türen. Allenfalls anspruchsvoll dürfte die Finanzierung werden, hängt sie doch zu grossen Teilen an Privaten und Stiftungen. Die Chancen, als Rat gehört zu werden, sind auf jeden Fall gross.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf den Rat zukommen?

Wie gesagt: Die thematische Vielfalt ist gross. Man könnte daher an verschiedenen Punkten ansetzen, darf sich aber angesichts der knappen Ressourcen nicht verzetteln.

Was bringen die verschiedenen Mitglieder des Rates für Erfahrungen und Hintergründe mit?

Da sind wir sehr divers aufgestellt – und das absichtlich. Der Rat soll verschiedene Lebensrealitäten abbilden. Welche Kompetenzen bringen die Leute mit? Welche Armutserfahrungen haben sie gemacht? Waren sie auf dem Sozialamt, beziehen sie Asylfürsorge oder IV? Wir haben auch auf das Alter geschaut – wir haben Mitglieder zwischen 27 und 72 Jahren.

Was motiviert Sie persönlich und auch vor dem Hintergrund Ihrer Arbeit beim Bundesamt für Sozialversicherungen, beim Rat mitzuarbeiten?

Ich habe beim Aufbau als Projektleiterin mitgearbeitet, werde die operative Verantwortung aber bald an den neu gegründeten Verein abgeben.
Ich finde es ein sehr wichtiges Projekt, weil es Menschen eine Stimme gibt, die sonst keine haben. Der Rat kann viel zur Entstigmatisierung von Armutsbetroffenen beitragen, weil sie in ihrer Situation ernst genommen werden.

Mirjam Zbinden

Mirjam Zbinden ist Geografin. Sie arbeitet seit 2017 als Projektleiterin bei der Nationalen Plattform gegen Armut beim Bundesamt für Sozialversicherungen und ist in dieser Rolle verantwortlich für den Themenschwerpunkt Beteiligung.

Dieser Artikel erschien im «Caritas regional». Das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen erscheint zweimal jährlich.

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