05.10.2026
Von neuen Brücken und einer besonderen Schifffahrt
Fünf Jahre Gefängnis, die Flucht aus der Türkei und ein Neustart in der Innerschweiz: Deniz Yilmaz über seine bewegte Geschichte und über Erfahrungen mit der KulturLegi.
Der Newsletter der KulturLegi Zentralschweiz zählt seit gut zwei Jahren zu den Lieblingslektüren von Deniz Yilmaz*. Mit einer KulturLegi erhalten Menschen mit wenig Geld Vergünstigungen bei Angeboten aus Kultur, Bildung, Sport und Freizeit (siehe Kasten). Sobald das E-Mail in seinem Postfach erscheint, lässt Deniz praktisch alles stehen und liegen und scannt die neusten Angebote. Denn er weiss: Bei Aktionen mit wenigen Plätzen muss die Familie schnell sein. «Wir sind nicht die Einzigen.»
Womit er recht hat: Im letzten Jahr nutzten schweizweit 220 000 Personen die KulturLegi – so viele wie noch nie. Der Ausweis berechtigt auch zum Einkauf im Caritas Markt, wo Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs vergünstigt angeboten werden. Auch hier steigen die Zahlen: 2025 haben so viele Menschen wie nie zuvor in den Caritas Märkten eingekauft. Diese traurigen Rekorde zeigen, wie viele Haushalte bei der Gestaltung ihrer Freizeit, aber auch bei Alltagsprodukten genau rechnen müssen.
Eine bewegte Lebensgeschichte
Zu ihnen gehört auch die Familie Yilmaz. Seit zwei Jahren lebt Deniz mit seiner Familie in der Innerschweiz. Seine Geschichte davor ist eine ebenso bewegte wie bewegende. Vor zehn Jahren war Deniz noch Mathelehrer in der Nähe von Izmir, einer Stadt im Westen der Türkei. Er wohnte zusammen mit seiner Frau, seiner damals 8-jährigen Tochter und seinem 4-jährigen Sohn. Als Lehrer in der Türkei habe er gut verdient. «Wir konnten uns damals ein schönes Leben aufbauen.»
Dann, 2016, geht plötzlich alles schnell.
Als ich freikam, war unser ganzes Geld aufgebraucht.
«Politische Events», wie Deniz sie nennt, reissen die Familie unvermittelt auseinander. Eines Nachts steht die Polizei vor seiner Haustür und führt ihn ab. Gleich ergeht es zahlreichen weiteren Lehrpersonen aus seinem Umfeld. «Plötzlich wachte ich morgens auf und sah links, rechts, oben und unten nur noch Beton.» Fünfeinhalb Jahre lang verbringt Deniz im Gefängnis. Seine Augen werden feucht. «Nicht zu wissen, wie es meinen Kindern geht, war das Schlimmste.»
Der ersehnte Neustart
2021 kann Deniz endlich zu seiner Familie zurückkehren. Doch nichts ist wie zuvor: «Während meiner Jahre im Gefängnis musste meine Familie von den Ersparnissen leben.»
Ein grosser Teil wurde zudem für Anwaltskosten verwendet. «Als ich freikam, war unser ganzes Geld aufgebraucht.» Zudem wird die Angst zum ständigen Begleiter. Immer wieder habe die Regierung Druck auf ihn und seine Frau ausgeübt. «Wir konnten nicht mehr ruhig schlafen. Wir schreckten jedes Mal hoch, wenn ein Auto vorbeifuhr oder in der Nähe parkte.»
Schliesslich entscheidet sich die Familie, die Türkei zu verlassen. Sie hofft, an einem anderen Ort in Europa neu anfangen zu können. Die Reise führt sie über Griechenland und Sardinien nach Genf, ins Tessin und schliesslich vor zwei Jahren in die Innerschweiz. Hier beginnt sie, ein neues Leben aufzubauen.
«Vieles ist für uns zu teuer»
Heute belegt Deniz fleissig Deutschkurse, engagiert sich in seiner Wohngemeinde und in Vereinen freiwillig, unterstützt Kinder mit türkischen oder kurdischen Wurzeln und gibt Mathematiknachhilfe. Sein Ziel hat er nicht aus den Augen verloren: Er möchte wieder Mathematik unterrichten. Und dadurch auch Schritt für Schritt finanziell wieder unabhängig werden.
Luzern bietet so viel Schönes. Vieles ist für uns leider zu teuer.
Die Familie erhält zwar finanzielle und administrative Unterstützung, Wohnungsmiete und Schulgebühren der Kinder sind gedeckt, die Sozialhilfe reicht zum Einkauf für den täglichen Bedarf. Sobald es um Freizeit, Familienausflüge, Hobbys oder neue Kleider geht, wird es aber schwierig. Was für andere selbstverständlich ist, muss die Familie aufschieben oder ganz streichen. «Luzern bietet so viel Schönes. Vieles ist für uns leider zu teuer.»
Einkaufstipps im Gruppenchat
Hier kommt die KulturLegi ins Spiel. Seit die Familie Yilmaz vor gut zwei Jahren ihre KulturLegi erhalten hat, nutzt sie verschiedene Angebote. Mit leuchtenden Augen berichtet Deniz vom 25. Mai 2026, als er mit seiner Familie dank der KulturLegi kostenlos einen Tag per Schiff auf dem Vierwaldstättersee hat verbringen dürfen. «Diesen Ausflug hätten wir ohne die KulturLegi niemals machen können. Das werden wir nicht
so schnell wieder vergessen.»
Auch beim Einkaufen kann Deniz die KulturLegi nutzen. Im Caritas Wohnen Sursee kaufte er sich seine ersten Wanderhosen und seinem Sohn ein Paar Winterschuhe zum reduzierten Preis.
Der Ausweis berechtigt auch zum Einkauf im Caritas Markt. Dort gibt es Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs zu stark reduzierten Preisen. Zwar sei die Anreise nach Emmenbrücke oder nach Baar für Deniz etwas weit. Bei besonders guten Angeboten nimmt er den Weg trotzdem auf sich. Hinweise erhält er in einem WhatsApp-Gruppenchat mit anderen Kund*innen, wie er verrät. «Manchmal schreibt jemand, dass es derzeit ein gutes Angebot für Olivenöl oder für ein Parfüm gibt.»
Die KulturLegi ist für uns wie eine Brücke.
Für Deniz geht es bei der KulturLegi aber nicht nur ums Sparen. Erneut erinnert er an den Ausflug auf dem Vierwaldstättersee. «Wir haben da auch andere Menschen mit einer KulturLegi kennengelernt.» Der Austausch mit ihnen sei bereichernd gewesen. «Für mich ist die KulturLegi deshalb auch etwas, das verbindet. Sie ist für uns wie eine Brücke.» Sie führt zu Orten und Erlebnissen, die für die Familie Yilmaz sonst nicht zugänglich wären. Gleichzeitig entstehen unerwartete Begegnungen und neue Bekanntschaften.
Fest steht: Mit der KulturLegi allein sind finanzielle Sorgen von Menschen wie Deniz Yilmaz nicht gelöst. Aber sie verschafft Spielraum: für passende Winterschuhe, einen Ausflug auf See oder ein gemeinsames Essen. Sie sorgt für neue, manchmal unverhoffte Bekanntschaften und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe. Oder in den Worten von Deniz: Sie baut Brücken.
*Name von der Redaktion geändert.