05.10.2026

Mitsprache geht über Sprache

Im Dolmetschdienst von Caritas Zentralschweiz arbeiten 200 Vermittelnde und Dolmetschende.

Zu ihnen zählt auch Müjgan Colak. Im Interview spricht sie über das Zusammenspiel von Sprache, Kultur, Integration und Mitwirkung.

Autor: Ramon Marti

Müjgan, als interkulturelle Dolmetscherin hast du täglich mit verschiedenen Sprachen und Kulturen zu tun. Wie müssen wir uns deine Arbeit vorstellen?
Kein Tag ist wie der andere. Ich dolmetsche für Sozialdienste, an Schulen, im Frauenhaus, aber auch an medizinischen Gesprächen oder bei Rechts- und Opferberatungen. Immer neue Menschen, neue Themen, neue Orte. Ich bin aber weder Therapeutin noch Beraterin oder Begleiterin. Meine Aufgabe ist es, dass sich zwei Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen verstehen.

Unterschiedliche Kulturen bedeuten auch unterschiedliche Gewohnheiten und Verständnisse vom Zusammenleben.

Müjgan Colak, interkulturelle Dolmetscherin von Caritas Zentralschweiz

Warum spielt die Kultur eine wichtige Rolle beim Übersetzen?
Dolmetschen ist mehr als «nur» das Übersetzen in eine andere Sprache. Unterschiedliche Kulturen bedeuten auch unterschiedliche Gewohnheiten und Verständnisse vom Zusammenleben. Wörtliches Übersetzen reicht also in gewissen Situationen nicht aus.

Hast du ein Beispiel?
Gefühle werden in jeder Kultur anders ausgedrückt. Kurdische Menschen zum Beispiel reden sehr bildhaft. Sie sagen «mein Herz ist eng», wenn sie traurig sind. Würde das eine Ärztin oder ein Arzt an einem medizinischen Gespräch wörtlich übersetzen, verstehen sie darunter womöglich Herzprobleme oder ein Stechen in der Brust, obwohl die Person eigentlich eine seelische Belastung meint.

Welche Bedeutung hat die Sprache, wenn es um Themen wie Integration und Teilhabe geht?
Sei es das Plaudern mit der Nachbarschaft oder eine Information von Behörden: Sprache ist die Erfindung der Menschen, um miteinander zu kommunizieren und sich auszutauschen, was gerade läuft oder wie gewisse Dinge im Quartier, im Beruf, in einer Kultur funktionieren. Kurzum: Die Sprache ist essenziell, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und um teilhaben und mitwirken zu können.

Sprache ist die Grundvoraussetzung, um mitreden zu können – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Sprache also auch als Basis für Mitwirkung?
Mitsprache funktioniert über Sprache. Sie ist eine Grundvoraussetzung, um mitreden zu können – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Für mich ist es das ultimative Ziel als Dolmetscherin, dass eine Person nicht nur versteht, sondern sich aktiv einbringen kann. Ich nenne das «nachhaltige Integration». Natürlich entscheidet aber jede Person auch selbst, wie stark sie sich einbringen will.

Mit vielen Projekten unterstützt Caritas Zentralschweiz armutsbetroffene Menschen in der Region. Spürst du in deiner Arbeit auch einen Zusammenhang zwischen der Sprache und finanziellen Sorgen?
Ja, durchaus. Wer Briefe nicht versteht und auch das System nicht kennt, verpasst Rechnungsfristen oder unterstützende Angebote und Dienstleistungen. Die Sprache ist aber auch elementar für die Ausbildung und das Berufsleben. Beides ist mit Geld und Wohlstand verbunden. Zwar können Menschen, die eine Sprache nicht beherrschen, durchaus einen Job finden. Ich kenne aber auch viele, die ihn schnell wieder verloren haben.

In Zeiten von ChatGPT, DeepL und Co.: Blickst du besorgt oder optimistisch in die Zukunft des Dolmetschens?
Ehrlich gesagt, beides. Die digitalen Innovationen bringen sicher viele Chancen. In einfachen Situationen – beim Einkaufen, beim Coiffeur – sind sie für fremdsprachige Menschen sehr nützlich. Wir sollten aber ihre Grenzen kennen. Sie erfassen unausgesprochene Signale und kulturelle Unterschiede nur begrenzt. Institutionen könnten versucht sein, aus Kostengründen zu stark auf technische Lösungen zu setzen. Wichtig ist für mich das Zusammenspiel: Wo Vertrauen und ein Gespür für Emotionen und kulturelle Nuancen gefragt sind, bleibt der Mensch entscheidend.

Das Foto ist mit Midjourney generiert.

Der Dolmetschdienst von Caritas Zentralschweiz

Die optimale Verständigung zwischen Fachpersonen und der Migrationsbevölkerung ist der Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Der Bedarf an fachkundiger Unterstützung in der Kommunikation zwischen Einheimischen und Zugewanderten führte 1998 zum Aufbau des Dolmetschdienstes. Seit 2006 führt die Caritas Luzern den Dolmetschdienst Zentralschweiz im Auftrag der Zentralschweizer Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Uri und Zug.

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