10.04.2026

Auf neuem Weg dank echter Partnerschaft

Ruedi Küchler hat es geschafft. Einst als Molkereimeister in Führungs- und Managementfunktionen tätig, stellte eine Diagnose sein Berufsleben auf den Kopf. Mit grosser Willenskraft und der Unterstützung von Caritas Zentralschweiz hat er den Weg zurück in die Arbeitswelt gefunden. Ein Selbstbericht.

Autor: Ruedi Küchler

Herbst 2017: Erst noch den Achtundvierzigsten gefeiert, blickte ich zufrieden auf meinen bisherigen beruflichen Werdegang zurück. Nach meiner gewerblichen Käserlehre arbeitete ich in verschiedenen Schweizer Käsereien, später als Molkerist in der Industrie. Mit den eidgenössischen Diplomen als Molkereifachmann und Molkereimeister sowie weiteren Weiterbildungen baute ich ein breites Profil auf und übernahm verschiedene Führungs- und Managementfunktionen in Produktion, Einkauf und Disposition.

Und dann kam die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Ein Moment, der alles veränderte.

Eine Untersuchung in der Augenklinik brachte zum Vorschein, was lange verborgen blieb: einen Gendefekt, der zu einer chronischen Netzhauterkrankung führt. Die Folgen sind Sehbehinderungen, eine Einengung des Gesichtsfeldes («Tunnelblick») und letztlich eine Erblindung. Der Verlauf ist bei mir vergleichsweise langsam, aber heilbar ist die Erkrankung bis heute nicht.

«Lange versuchte ich, die abnehmende Effizienz mit immer mehr Arbeitszeit zu kompensieren.»

Angst vor dem Kontrollverlust

Nach und nach machte sich die Erkrankung im Alltag bemerkbar. Lange Zeit versuchte ich, die abnehmende Effizienz mit immer mehr Arbeitszeit wettzumachen – getragen vom inneren Anspruch, funktionieren zu müssen. Verdrängung und Überlastung prägten diese Phase. Eines Tages musste ich wegen der abnehmenden Sehkraft meinen Führerschein abgeben. Die Ausübung meines Berufs, der auch regelmässige Besuche abgelegener Käsereien erforderte, war nicht länger möglich.

Besonders herausfordernd war meine Angst vor dem Kontrollverlust. 

Als eigenständige Person fiel es mir schwer zu akzeptieren, nicht mehr frei nach eigenem Willen handeln zu können. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Welchen Wert habe ich mit meinem Handicap noch? Wie abhängig werde ich von anderen sein?

Der Wendepunkt

Sprichwörtlich sass ich auf einer Gefühlsachterbahn zwischen Niedergeschlagenheit, Überlastung und Selbstmitleid. Irgendwann kam die entscheidende Erkenntnis: Ich muss Verantwortung für meinen weiteren Weg übernehmen. Auch wenn ich den Weg noch nicht sehen kann. Dies war der Wendepunkt.

Zunächst stimmte ich mich mit der Invalidenversicherung ab und liess mich von meinem Job-Coach des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands zu meinen Möglichkeiten beraten. Gleichzeitig begann ich, an meinen Werten zu arbeiten, die zuvor stark über beruflichen und finanziellen Erfolg definiert waren – mehr dazu später.

Ich begab mich auf eine Reise, deren Route ich noch nicht kannte. Die Phase der beruflichen Neuorientierung brachte zunächst mehr Fragen als Antworten: In welche Richtung sollte es gehen? Was interessiert mich? Was kann ich leisten?

Caritas Zentralschweiz öffnet Türen …

Ich bewarb mich für Praktikumsplätze im Bereich der beruflichen Integration und des Job-Coachings. Von allen Betrieben erhielt ich durchwegs Absagen mit zum Teil vorurteilsbehafteten Begründungen. Einzig Caritas Zentralschweiz öffnete mir die Tür – und damit auch das Tor zu einer neuen Berufswelt.

«Ich erhielt die notwendige Unterstützung, aber auch von Beginn an Freiheiten und Verantwortung.»

Im Team Bildung und berufliche Integration wurde ich wohlwollend aufgenommen und zugleich reflektiert begleitet. Schon bald habe ich im Rahmen der beruflichen Integration Coachings für Personen durchgeführt, die uns vom RAV, vom Sozialamt oder von der kantonalen Dienststelle für Asyl- und Flüchtlingswesen zugewiesen wurden. Auch in der Erwachsenenbildung war ich tätig und habe Deutsch-, PC- und Bewerbungskurse gegeben.

… zu einer neuen Berufswelt

Bei der Caritas Zentralschweiz erhielt ich die notwendige Unterstützung, aber auch von Beginn an Freiheiten und Verantwortung – kein Schonraum, sondern realistische Anforderungen und eine klare Ausrichtung auf den ersten Arbeitsmarkt. Meine Begleitperson verstand es, mir dort Raum zu lassen, wo Selbstständigkeit möglich war, und dort Hand zu bieten, wo Orientierung oder Reflexion nötig waren. Genau, was ich brauchte.

Parallel absolvierte ich eine CAS-Weiterbildung zum Job-Coach im Bereich «Supported Employment», um Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt Unterstützung zu bieten – eine Unterstützung, wie ich sie vor nicht allzu langer Zeit selbst erfahren durfte.

Ich begann mit der Stellensuche. Mit Erfolg.

Anfang Mai trete ich meine neue Stelle beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband als Job-Coach an. Parallel engagiere ich mich im Vorstand von Retina Suisse, einer Schweizer Patientenorganisation von Menschen mit Netzhauterkrankungen.

Erfolg neu definiert

Verdrängen, Frust, Angst und Unsicherheit waren meine Begleiter der letzten Jahre. Das ist nun Geschichte. Mit einer grossen Portion Eigenmotivation und der Unterstützung verschiedener Menschen und institutioneller Stellen habe ich zu einer neuen Normalität zurückgefunden.

«Für mich ist beruflicher Erfolg nicht länger das Erreichen von Zielen oder Anerkennung.»

Und meine Werte? Für mich heisst beruflicher Erfolg heute nicht mehr Status, ist nicht länger das Erreichen von Zielen oder Anerkennung. Erfolg ist eine Haltung geworden, eine Art der Zusammenarbeit, die von Vertrauen geprägt ist. Ein Vertrauen, wie es mir Caritas Zentralschweiz entgegengebracht hat. Das gegenseitige Erkennen und Fördern von Stärken, um miteinander voranzukommen. Echte Partnerschaft eben.

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