10.04.2026
Ein Vierteljahrhundert Begleitung
Seit 25 Jahren gehört die Begleitung in der letzten Lebensphase zur Angebotspalette von Caritas Zentralschweiz. Kursleiterin Heidi Müller und Fachstellenleiter Thomas Feldmann über ein Thema, das Menschen verbindet und ein Leben lang begleitet.
Heidi Müller blättert mit leuchtenden Augen durch ein Vierteljahrhundert altes Konzept. Es zeigt ihre Handschrift, wie sie sich 2001 als Leiterin des allerersten Grundkurses in der Sterbebegleitung vorbereitet hat. Heute ist Heidi 68 Jahre alt – und auch beim derzeit startenden 78. Grundkurs noch immer als Kursreferentin mit dabei, gemeinsam mit Thomas Feldmann und Katja Thürig.
Ich habe bei ihnen eine grosse Hilflosigkeit erlebt.
Bedürfnis in der Gesellschaft gespürt
Schon früh entwickelte Heidi eine grosse Affinität für dieses heute oft tabuisierte Thema. Als Theologiestudentin an der Universität Zürich hatte sie eine Abschlussarbeit über die Sterbebegleitung geschrieben. In ihrer beruflichen Tätigkeit im Pfarramt und als Seelsorgerin wurde Heidi bald bewusst, dass nicht nur Sterbende, sondern insbesondere auch Angehörige Betreuung und Begleitung brauchen. «Ich habe bei ihnen eine grosse Hilflosigkeit erlebt.»
Früher habe es zur Normalität gehört, zu Hause in den eigenen vier Wänden zu sterben. Doch in den letzten Jahrzehnten sei der Tod immer mehr in Institutionen, in Heime und Spitäler ausgelagert worden. «Das war eine grosse Veränderung für die Gesellschaft. Heute sind Angehörige weniger stark einbezogen und das Sterben ist zum Tabuthema geworden.»
«Ich musste nicht zweimal überlegen.»
Als Bernadette Schaller-Kurmann, ehemalige Luzerner Grossrätin und Kantonsratspräsidentin, vor 25 Jahren die heutige Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase (BilL) bei Caritas Zentralschweiz ins Leben rief, fragte sie Heidi Müller an, Kurse zu geben. «Das ist eine so wichtige und gute Sache. Ich musste nicht zweimal überlegen.»
Vergänglichkeit verbindet Generationen und Kulturen
Bis heute stösst der Grundkurs zur Sterbebegleitung auf Interesse: Die meisten der 77 Durchführungen waren ausgebucht, bis zu 1600 Personen haben die Grundkurse besucht.
Dabei treffen verschiedenste Geschichten und Hintergründe aufeinander: «Manche haben einen lieben Menschen verloren oder begleiten ihre betagten Eltern, andere möchten sich für Freiwilligeneinsätze in Begleitgruppen vorbereiten oder sich bewusst mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzen», erzählt Thomas Feldmann, der seit über sieben Jahren die Fachstelle leitet.
«Das Interesse, für Menschen in der letzten Lebenszeit da sein zu wollen, führt Menschen über Generationen und Kulturen hinweg zusammen.»
Die Diversität ist entsprechend gross. Die Teilnehmenden sind zwischen 25- und 80-jährig und beruflich in der Pflege, der Bildung, der Landwirtschaft, der Seelsorge oder im sozialen Bereich tätig. «Das Interesse, für Menschen in der letzten Lebenszeit da sein zu wollen, führt Menschen über Generationen und Kulturen hinweg zusammen.» Das Vertrauen und die Offenheit berühren ihn dabei immer wieder. «Bereits in der ersten Mittagspause bekomme ich das Gefühl, die Teilnehmenden kennen sich schon lange.»
Ein Thema fürs Leben
Dieses Jahr feiert die Fachstelle BilL von Caritas Zentralschweiz ihr 25-jähriges Bestehen. An Aktualität hat ihre Aufgabe nicht verloren – im Gegenteil. Die Gesellschaft wird älter und chronische Erkrankungen des Nervensystems wie die Demenz nehmen zu. Das hat Auswirkungen auf den Bedarf an Unterstützung. «Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben. Das ist nur durch eine umfassende Palliative Care möglich, in die auch die Freiwilligen eingebunden sind.»
Herausforderungen werden bleiben, das Bedürfnis in der Gesellschaft wohl ebenso. Heidi Müllers Geschichte und Thomas Feldmanns Erfahrungen zeigen: Auch nach 25 Jahren bleibt die Vergänglichkeit ein Thema fürs Leben.