09.04.2026
Ich hätte mir diesen Ort nie so vorgestellt
Nur wenige Schritte vom Bahnhof Wil entfernt liegt der Caritas-Markt – zentral und doch leicht zurückversetzt.
Text, Interview und Illustration: Akin Levent Kayrahan
Der Eingang wirkt unscheinbar, fast verborgen. Wer vorbeigeht, nimmt ihn leicht nicht wahr. Dabei öffnet sich hinter dieser Tür ein eigener kleiner Mikrokosmos: ein Ort mit klaren Abläufen, mit Struktur und Verlässlichkeit. Ein Ort, an dem täglich gearbeitet, organisiert und ausgeglichen wird – und an dem Menschen ihre Situation Tag für Tag neu meistern. Um diesen kaum sichtbaren, aber lebendigen Alltag kennenzulernen, waren wir im Caritas-Markt in Wil zu Gast. Im Gespräch spricht die Marktleiterin Sybille Pelzmann über das tägliche Geschehen und über ein System, das trägt.
Könnten Sie sich kurz vorstellen?
Mein Name ist Sibylle Pelzmann, ich bin 62 Jahre alt und arbeite seit fast 14 Jahren beim Caritas-Markt Wil. Der Markt wurde damals neu eröffnet, und ich bin von Anfang an als stellvertretende Marktleiterin eingestie- gen. Nach drei Jahren als Marktleiterin in St.Gallen bin ich wieder nach Wil zurückgekehrt. Seit gut zwei Jahren bin ich in der Caritas-Markt-Leitung tätig. Zusammen mit meiner Stellvertreterin Evelyn Signer stelle ich sicher, dass alles reibungslos läuft.
Meine Familie hat einen kleinen Quartierladen geführt und ich bin damit aufgewachsen. Zudem habe ich lang- jährige Erfahrung in freiwilliger und kirchlicher Arbeit, unter anderem als Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirchgemeinde Wil.
Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Die Stelle als Marktleiterin im Caritas-Markt besteht für mich aus drei Teilen. Da ist zum einen der Detailhandel, das Wirtschaftliche – das ist mein Hintergrund. Dann die Arbeit mit den Freiwilligen, ihre Begleitung und Organisation. Das ist meine Leidenschaft. Und schliesslich der soziale Teil: unsere Kundschaft. Viele kommen mit besonderen Hintergründen, und da möchte ich meinen Beitrag leisten. Mein Glaube spielt dabei auch eine Rolle, aber nicht im Sinn von Weitergabe, sondern als innere Haltung, aus der heraus ich arbeite.
Wie sieht ein normaler Arbeitstag im Caritas-Markt Wil aus?
Eigentlich gibt es keine normalen Tage, aber einen festen Ablauf. Ich komme um sieben Uhr morgens und habe eine Stunde Zeit, um alles vorzubereiten – Administration, Kasse, Organisation. Wenn das Team um acht Uhr kommt, besprechen wir die Aufgaben. Gemeinsam bereiten wir den Markt vor, dann öffnen wir für unsere Kundschaft. Der Vormittag ist sehr geprägt von der Arbeit mit dem Freiwilligen- team. Die Einsätze werden selbstständig ausgeführt, aber ich koordiniere und begleite alles. Über den Tag hinweg kommen Bestellungen, Besprechungen, Kundengespräche und organisatorische Auf- gaben dazu. Mittags schliessen wir kurz, am Nachmittag arbeitet ein neues Team. Der Marktalltag läuft bis zum Ladenschluss weiter. Wenn man den Tag aufteilt, bin ich etwa neun Stunden hier.
Wie viele Freiwillige engagieren sich im Caritas-Markt Wil und wie funktioniert der Freiwilligen-
einsatz?
Wir haben ein sehr grosses Team mit fast 90 Freiwilligen. Dazu gehören auch die Freiwilligen im Café, unserer kleinen Begegnungsecke, sowie ein Team, das morgens das Brot holt. Pro Tag arbeiten je nach Schicht etwa acht Freiwillige im Markt und im Café.
Die meisten leisten einmal pro Woche einen Einsatz. Ein Teil unserer Freiwilligen sind Senior*innen, es gibt also immer wieder Auszeiten oder Abwesenheiten. Darum ist es wichtig, dass wir nicht zu knapp besetzt sind. Alle arbeiten freiwillig und unbezahlt. Das Team ist über die Jahre gewachsen und sehr stabil. Ein zentraler Punkt ist, dass Freiwillige klare Strukturen brauchen. Sie möchten wissen, was ihre Aufgabe ist und was von ihnen erwartet wird. Unsere Aufgabe ist es, diese Strukturen bereitzustellen und vor jedem Einsatz gemeinsam zu klären, wer was übernimmt.
Viele empfinden die Eintrittsschwelle der Caritas-Märkte als hoch, obwohl sie es eigentlich nicht ist.
Sybille Pelzmann
Was sind die grössten Herausforderungen, einen sozialen Markt zu leiten?
Bei so vielen wechselnden Teammitgliedern ist es wichtig, Motivation, Freude und Sicherheit weiterzugeben, damit alle frei und gerne arbeiten können. Das hat viel mit Organisation und Kommunikation zu tun. Eine besondere Herausforderung ist für mich die Balance zwischen Nähe und Distanz. Ich bin weder Freundin noch Kollegin, sondern die Marktleiterin. Und trotzdem braucht es Nähe. Diese Balance immer wieder zu finden, ist anspruchsvoll.
Gibt es Ihrer Meinung nach Vorurteile gegenüber Caritas-Märkten?
Viele empfinden die Eintrittsschwelle als hoch, obwohl sie es eigentlich nicht ist. Sobald eine zuständige Stelle den Antrag bestätigt, erhält man die KulturLegi-Karte und kann einkaufen. Ich erlebe Vorurteile oft bei Menschen, die zum ersten Mal in den Markt kommen. Viele sagen dann: «Ich hätte nicht gedacht, dass das so ein schöner Laden ist.» Sie stellen sich eher eine Abgabestelle vor. Dabei funk- tionieren die Abläufe wie in einem normalen Laden: Unsere Kund*innen wählen selbst aus, bezahlen und gehen wieder. Der Caritas-Markt ist im Grundsatz wie ein normales Handelsgeschäft. Meine Hauptaufgabe ist aber nicht, möglichst viel Umsatz zu machen, sondern den Markt so zu gestalten, dass unsere Kund*innen ihre täglichen Bedürfnisse decken können und ihr Budget im Gleichgewicht bleibt. Ohne die Unterstützung der Freiwilligen wäre das so nicht möglich.
Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 2026/1 des Regional Magazins der Caritas.