Günstiger Leben

Das erste nationale Armutsmonitoring bestätigt, was Caritas schon lange sagt: In der Schweiz sind 1,45 Millionen Menschen arm oder armutsgefährdet.

«Die Armutsproblematik der Schweiz ist chronisch geworden», sagte Peter Lack, Direktor von Caritas Schweiz, bei der Lancierung der Plattform «Armut in der Schweiz»Link öffnet in neuem Fenster.. Die Plattform wurde im Januar 2026 aufgeschaltet, nach Erscheinen des Berichts 2025 zum Armutsmonitoring in der Schweiz. Sie gibt Antworten auf zahlreiche Fragen, beispielsweise: Was bedeutet es, in einem reichen Land arm zu sein? Wie funktioniert unser Sozialsystem und wo gibt es Lücken? Was kann die Politik gegen Armut tun?

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Die 6 Dimensionen von Armut

Die Plattform ist wichtig, um die verschiedenen Dimensionen von Armut zu erfassen. Denn mehr als 80% der Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen Verhältnisse als arm gelten, sind auch in mindestens einem weiteren Lebensbereich benachteiligt. Sei es Bildung, Gesundheit, soziale Beziehungen oder politische Teilhabe.

Für Chancengleichheit sorgen

Ab 2014 hat sich der Bund mit dem Programm und später mit der nationalen Plattform zur Prävention und Bekämpfung von Armut verpflichtet, gegen Armut aktiv zu werden. Dennoch stagniert die Armutsquote. Im Jahr 2025 ist sie sogar gestiegen.

Für Caritas Schweiz gibt es sieben Gründe, warum sich die Lage der Ärmsten im Jahr 2026 weiter verschlechtern wird:

  • Steigende Lebenshaltungskosten belasten ärmere Haushalte besonders stark, weil diese praktisch ihr gesamtes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse ausgeben müssen.
  • Die Krankenkassenprämien steigen und steigen.
  • Der Druck auf den Wohnungsmarkt wird weiter zunehmen. Eine angemessene Wohnung zu finden ist für ärmere Haushalte praktisch aussichtslos.
  • Viele Ausgaben wachsen, aber die tiefen Löhne stagnieren.
  • Die Existenzsicherung ist ungenügend. Namentlich der Grundbedarf in der Sozialhilfe ist zu tief.
  • Die Unterstützung von Familien ist in der Schweiz mangelhaft. Rund jedes fünfte Kind in der Schweiz ist von Armut betroffen oder bedroht, seit 2014 ist die Tendenz steigend.
  • Ärmere Haushalte profitieren nicht von Steuersenkungen, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer hingegen betrifft sie viel stärker als Reiche.

«Als Gesellschaft stehen wir vor der Aufgabe, für mehr Chancengerechtigkeit und mehr Ausgleich zu sorgen. Es geht nicht an, dass 16% der Bevölkerung – darunter viele Familien und Kinder – mit stark eingeschränkten Perspektiven und der täglichen Sorge um die Existenzsicherung konfrontiert sind», unterstreicht Peter Lack.

Für Tausende von Familien und Alleinstehenden in der Schweiz ist es mittlerweile wirklich schwierig, sich Lebensmittel, Haushalts- oder Hygieneartikel zu kaufen.

Die Zahlen sind alarmierend für ein Land, das sich zur Solidarität bekennt. Die Behörden reagieren kaum darauf. Das Parlament hat gar eine Motion überwiesen, die eine Erhöhung der Mindestfranchise bei der Krankenversicherung vorsieht, und zwar von 300 auf 400 Franken, mit Angleichung an die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen.

In der Folge schickte der Bundesrat Anfang März 2026 eine entsprechende Vorlage in die Vernehmlassung. Eine höhere Mindestfranchise würde in erster Linie die Ärmsten, ältere Menschen sowie chronisch Kranke treffen. Diese haben aufgrund ihres Gesundheitszustands oder ihrer finanziellen Verhältnisse keinen Spielraum, eine höhere Franchise zu wählen.

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Für Tausende von Familien und Alleinstehenden in der Schweiz ist es mittlerweile sehr schwierig, sich Lebensmittel, Haushalts- oder Hygieneartikel zu kaufen. Von den schweizweit 22 Caritas-Märkten stellen fast alle einen Anstieg ihrer Kundenzahlen fest. Derjenige von Freiburg war im letzten Quartal 2025 der meistbesuchte. Er verzeichnete 18% mehr Kundschaft als im Vorjahr. Zwischen 2024 und 2025 stiegen dort die Zahlungsvorgänge von 67’000 auf 80’000 im Jahr an.

«Ich wollte etwas zurückgeben»

Gleich nach der Ladenöffnung bildet sich eine Schlange vor dem Markt. Dort reiht sich auch die 70-jährige Sylvia ein. Trotz AHV-Rente und Ergänzungsleistungen – darunter insbesondere ein Zuschuss zur Krankenversicherung – kommt sie kaum über die Runden. Wenn die Franchise steigt, wird sie jedes Mal überlegen müssen, ob sie sich den nötigen Arztbesuch leisten kann – so wie viele andere Menschen, die sich nicht mehr behandeln lassen aus Angst, die Rechnung nicht bezahlen zu können.

Sylvia, Kundin des Caritas-Marktes in Freiburg, engagiert sich sogar noch für andere.

Sylvia bleibt jedoch positiv eingestellt, trotz der Situation. Seit fünfzehn Jahren ist sie nicht mehr in die Ferien gefahren. Dennoch setzt sie sich sogar noch für andere ein. «Als ich erfuhr, dass ich im Caritas-Markt Freiburg einkaufen darf, fand ich das grossartig. Ich wollte sofort etwas zurückgeben und selbst ehrenamtlich mithelfen.»

Sylvia hat für ihren Lebensunterhalt fast vierzig Jahre lang am Postschalter gearbeitet. Sie schämt sich nicht, über ihre schwierige Lage zu sprechen. «Ich rede offen darüber. Denn jemand muss es tun, damit die Leute erfahren, was mit vielen Menschen geschieht, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben.»

Bundesrätin Élisabeth Baume-Schneider ist als Innenministerin unter anderem für die Sozialversicherungen und das Gesundheitswesen zuständig. Sie weiss, dass noch sehr viel zu tun bleibt, um die Armut in der Schweiz zu bekämpfen.

In ihrer Rede am Caritas-Forum im Januar berichtete sie, wie sie damals als Sozialarbeiterin selbst Caritas Jura um Hilfe gebeten habe, um einigen der von ihr betreuten Personen zu helfen.

«Armut ist unsichtbar – oder wird unsichtbar gemacht. Allzu oft wird sie als persönliches Versagen empfunden, als etwas Beschämendes»

Bundesrätin Élisabeth Baume-Schneider, Vorsteherin des Departements des Innern

«Armut ist unsichtbar – oder wird unsichtbar gemacht. Allzu oft wird sie als persönliches Versagen empfunden, als etwas Beschämendes», stellte die Bundesrätin fest. Es wird nicht darüber gesprochen, mit verheerenden Folgen: «Man schweigt lieber zu diesem Problem, und auf dieses ohrenbetäubende Schweigen folgt Gleichgültigkeit. Wobei die Gleichgültigkeit verschiedene Formen annimmt. Es ist ein Mangel an Interesse und Aufmerksamkeit festzustellen, der sich bis in den aktuellen politischen Diskurs hinein manifestiert.»

Und weiter: «Die Armutsproblematik wird an den Rand gedrängt, ähnlich wie früher die Armenhäuser», bemerkte die Bundesrätin. «Man musste nicht erst auf die Ergebnisse des ersten Armutsmonitorings in der Schweiz warten, um zu wissen, dass in unserem wohlhabenden Land Armut heute Realität ist. Der Bericht zum Armutsmonitoring ist eine wichtige Grundlagenarbeit des Bundesamtes für Sozialversicherungen und wurde im vergangenen November vom Bundesrat verabschiedet. Die Schlussfolgerungen sind klar: Fast niemand ist vor einem Schicksalsschlag gefeit, der uns in eine Notlage stürzen kann und vor allem Stress, Armutsstress bewirkt.  Das Thema Armut sollte daher im Mittelpunkt unserer politischen Debatten stehen.»

FALSCH

Die Schweiz ist ein reiches Land, und Armut ist bei uns ein Randphänomen.

RICHTIG

Armut ist kein Randphänomen: 1,45 Millionen Menschen gelten in der Schweiz als arm oder armutsgefährdet. Würde das soziale Existenzminimum um nur 500 Franken pro Monat angehoben, würde sich die Armutsquote verdoppeln.

Dieser Artikel erschien im «Caritas.mag». Das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen der Romandie erscheint zweimal jährlich.

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