Stephan Eicher: «Ich bin im Team der Menschen»
15. April 2026 | 6 min. Lesezeit
Stephan Eicher hat gerade «Poussière d’or» veröffentlicht. Sein neues Album feiert das Anderssein. Im Gespräch mit Caritas.mag teilt er seine Gedanken zu Armut.
Er spricht zurückhaltend, fast widerwillig, aber niemals ausweichend: Stephan Eicher erinnert sich an die zu Beginn seiner Karriere erlebte Armut. Nachdem er mit 16 die Schule verlassen hatte, arbeitete er in diversen Nachtjobs und lebte am Rande der Gesellschaft. Heute füllt er die grössten Konzertsäle. Wie hart es für ihn damals war, beschönigt er nicht. Hindernisse, sagt er, hätten ihn stärker gemacht. Humor war Schutz. Und Musik war der Ort, um Gemeinschaft zu erleben, jenseits von Sprachen, Grenzen und sozialen Gräben.
«Wenn man seinen Job verliert, kann man seinen Platz in der Welt verlieren. Dass es das in einem durchorganisierten Land wie der Schweiz gibt, ist schockierend, ein Skandal!»
Corinne Jaquiéry: Wann sind Sie sich der Armut bewusst geworden?
Stephan Eicher: Mit 17 zog ich nach Zürich. Dort war ich mit der brutalen Realität konfrontiert: Drogen, Kriminalität, Menschen, die vom Leben gezeichnet waren. Ich wohnte buchstäblich im Rotlichtviertel. Etwas später wurde ich sehr jung Vater und wir lebten zu dritt in einem einzigen Zimmer. Aber ich will nicht jammern: Es war auch meine Entscheidung, Musiker zu werden. Armut beschränkt sich nicht nur aufs Geld. Es geht um Bildung, Netzwerke, um die Möglichkeit, Freunde zu sich nach Hause einzuladen. Wenn man seinen Job verliert, kann man seinen Platz in der Welt verlieren. Dass es das in einem durchorganisierten Land wie der Schweiz gibt, ist schockierend, ein Skandal! Das sollte in einem Land wie unserem nicht tolerierbar sein.
War Ihr künstlerischer Werdegang in irgendeiner Form von sozialen Realitäten wie Armut oder Ungleichheit geprägt?
Ja, aber für mich war das eher eine Chance. Hindernisse haben mich stärker gemacht. Ich habe mit 16 die Schule verlassen und die schlimmsten Jobs gemacht: Metzgereien putzen, nachts bei der Post arbeiten, Lastwagen in Druckereien beladen. Ich habe körperliche Erschöpfung und unmögliche Arbeitszeiten erlebt. Aber ich konnte gar nicht anders, als Musik zu machen. Das war nicht einmal eine romantische Leidenschaft. Es war eine Tatsache. Durch die Probleme musste ich immer etwas Neues erfinden. Während der Corona-Pandemie habe ich ein Freilichttheater auf die Beine gestellt. Fünfzig Menschen mit Hygienemaske – wirtschaftlich war das absurd, künstlerisch war es lebenswichtig. Die eine Hälfte von mir ernährt sich über den Magen, die andere durch das künstlerische Schaffen und die Resonanz des Publikums. Wenn ich das nicht tue, erlischt etwas.
Kann man sagen, dass Ihre Lieder engagiert sind?
Ich würde sagen, sie sind eher menschlich als engagiert. Ich stehe morgens nicht auf, um die Gesellschaft zu verändern. Das wäre arrogant. Schon nur sein direktes Umfeld beeinflussen zu wollen, ist heikel. Aber ich nehme die Verantwortung des künstlerischen Schaffens ernst. Ein Song kann Menschen in schwierigen Zeiten begleiten. Ein Konzert kann Fremde in derselben Emotion vereinen. Das verändert zwar nicht die Welt, schafft aber einen Moment der Einheit. Während der Pandemie habe ich auch entdeckt, wie schön die Augen der Leute über den Masken sind. Selbst eine Einschränkung kann eine neue Intensität offenbaren.
«Ein Konzert kann Fremde in derselben Emotion vereinen. Das verändert zwar nicht die Welt, schafft aber einen Moment der Einheit.»
Sind Sie eine Brücke zwischen den Schweizer Kulturen?
Das ist einfacher, als man denkt. Ich nehme ein Berner Lied, das nach dem französischen Chansonnier Brassens klingt, werfe zwei oder drei Witze ein, und schon fühlen sich die Menschen verbunden. Diese Brücke zu bauen erfordert Witz und Aufmerksamkeit, kein Ingenieurdiplom. Es ist eine Frage des Zuhörens.
Sie sprechen oft von Humor als einer Stärke.
Väterlicherseits stamme ich aus einer Jenischen Familie. Das Gefühl, anders zu sein, kenne ich. Man kann es als Scham empfinden oder in eine Rüstung verwandeln. Der Humor rettet mich. Nicht der verletzende Sarkasmus, sondern die sanfte Ironie, das gemeinsame Lachen. Der Humor macht die Dinge leichter, ohne sie zu leugnen. Mit Humor kann man durchhalten, ohne sich zu verhärten.
Was sollte man angesichts der zunehmenden Prekarität tun?
Ich habe keine Wunderlösung. Aber die Schweiz könnte ein soziales Versuchslabor sein. Wir sind nicht sehr viele, wir sind gut organisiert und haben ein stabiles System. Modelle testen, ideologiefrei experimentieren, schauen was funktioniert. Es wagen, neue Mechanismen auszuhecken, anstatt festgefahrene Positionen zu verteidigen. Während der Pandemie habe ich meinen Musikern vorgeschlagen, dass jeder monatlich den gleichen Betrag erhält, egal ob er arbeitet oder nicht. Sie wollten aber lieber nach Stunden bezahlt werden. Das hat mich überrascht. Solidarität ist nie selbstverständlich, sondern muss ausgehandelt werden.
«Mit Humor kann man durchhalten, ohne sich zu verhärten.»
Mussten Sie selbst einmal öffentliche Hilfe beantragen?
Ja, einmal, als ich 1983 Schwierigkeiten hatte, ein Musical auf die Bühne zu bringen, «Der Hundeschwindel von Moskau». Ich hatte bei Pro Helvetia eine Förderung beantragt, die aber abgelehnt wurde. Im Moment war das hart. Im Nachhinein gab es mir eine gewisse Gelassenheit, es alleine geschafft zu haben. Aber das ist meine Geschichte. Ich bin privilegiert, vom Leben verwöhnt, das grosszügig zu mir ist. Ich verallgemeinere nicht. Viele haben diesen Spielraum nicht.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Sich für eine Seite zu entscheiden. Meine ist einfach: das Team der Menschen. Kein politisches Etikett. Nur Wesen mit zwei Augen, einer Nase, mit Schwächen, Sehnsüchten. Manchmal bin ich müde oder niedergeschlagen. Heute versuche ich, mehr Leichtigkeit zu vermitteln. Man kann nicht alles tragen. Aber wenn meine Lieder, und sei es nur für einen Augenblick, jemanden in die Arme schliessen und ihn daran erinnern, dass er Teil dieses Teams ist, dann habe ich ein Tor geschossen. Und das reicht mir.
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17. August 1960
Geburt von Stephan Eicher in Münchenbuchsee, Schweiz.
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Erstes Album mit Grauzone.
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Veröffentlichung des Albums «I Tell This Night», das ihn auf die internationale Bühne katapultiert.
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Album «Engelberg» mit grossen Hits wie «Déjeuner en paix» oder «Pas d’ami comme toi».
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In den 2000er Jahren veröffentlicht Stephan Eicher zahlreiche Alben und experimentiert mit musikalischen Erfahrungen, allein oder mit der Band.
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Er erhält den Schweizer Grand Prix Musik und ist trotz Corona mit «Le radeau des inutiles» auf Tour.
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Tournee zum Album «Poussière d’or».
Dieser Artikel erschien im «Caritas.mag». Das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen der Romandie erscheint zweimal jährlich.
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