09.04.2026

Ein offenes Geheimnis, das alle kennen

Als Teil ihres sozialen Engagements setzt Caritas St. Gallen-Appenzell auch auf
Sensibilisierungsarbeit mit Jugendlichen. In Workshops werden junge Menschen
eingeladen, sich mit einer oft tabuisierten Wirklichkeit auseinanderzusetzen
und frühzeitig Perspektiven für den Umgang mit finanziellen Herausforderungen
zu entwickeln.

Text, Interview und Illustration: Akin Levent Kayrahan

 

Die Schweizer Gesellschaft wird oft mit einem perfekt funktionierenden Uhrwerk verglichen. Unterschiedlich grosse Zahnräder greifen ineinander und halten ein verlässliches Gefüge aufrecht. Die ausgeprägte Konsenskultur, die hohe Problemlösungskompetenz und der Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen gelten international nicht ohne Grund als vorbildlich.

Die Vorstellung eines gut funktionierenden gesellschaftlichen Gefüges prägt viele unserer Wahrnehmungen. Dabei kann leicht in den Hintergrund treten, dass Menschen unter unterschiedlichen Voraussetzungen leben und nicht alle gleichermassen von Stabilität und Sicherheit profitieren. Diese unterschiedlichen Lebensrealitäten sind Teil unserer Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund versteht Caritas St. Gallen-Appenzell Sensibilisierung als festen Bestandteil ihres Engagements. Erfahrungen aus der Arbeit in der Armutsbekämpfung und der Integrationsarbeit fliessen gezielt in Bildungsangebote ein. Ein zentrales Element dabei ist die Diakonieanimation, die unter anderem ihre Praxis in Workshops und Weiterbildungen einbringt, sich an unterschiedliche Zielgruppen richtet und Räume für Austausch, Reflexion und neue Perspektiven eröffnet.

Externe Fachpersonen schaffen es sehr gut, gesellschaftliche Themen für Jugendliche greifbar zu machen.
Pina De Marco-Zagaria

Gerade bei Jugendlichen ist es entscheidend, gesellschaftliche Herausforderungen frühzeitig zu enttabuisieren. Es geht darum, Wahrnehmung zu schärfen, Solidarität zu fördern und Fragen zuzulassen, bevor sich stereotype Bilder oder Unsicherheiten verfestigen. Aus diesem Grund führt das Team der Diakonieanimation regelmässig Schulbesuche durch und gestaltet Workshops mit Jugendlichen.

In diesen Formaten werden kurze fachliche Inputs mit Austausch, Bewegung und konkreten Erfahrungen kombiniert. Jugendliche setzen sich nicht nur theoretisch mit Armut und finanzieller Unsicherheit auseinander, sondern erleben Zusammenhänge unmittelbar – etwa im öffentlichen Raum oder beim Besuch des Caritas-Markts. Ziel ist es, abstrakte Begriffe greifbar zu machen und eigene Fragen zu eröffnen.

Wie diese Schulbesuche im schulischen Alltag wirken, zeigt sich auch aus der Perspektive der Lehrpersonen. Ihre Beobachtungen geben Einblick darin, wie Jugendliche auf die Auseinandersetzung reagieren und welche Bedeutung solche Impulse entfalten können. Eindrücke dazu schildern Sandra Hollenstein von der Flade St. Gallen sowie Pina De Marco-Zagaria von der Kantonsschule Wil.

Gerade diese Verbindung aus Information und Erfahrung ist es, die Sandra Hollenstein als besonders wirksam beschreibt. Armut sei ein Thema, das viele betreffe, jedoch häufig mit Scham verbunden sei. «Schlussendlich ist es immer besser, wenn solche Themen, die für viele schambehaftet sind, von Fachpersonen behandelt werden», hält sie fest. Entscheidend sei dabei, dass Jugendliche nicht bei einem theoretischen Zugang stehen bleiben. Dass sie sich nach dem Input selbst auf den Weg machten, draussen unterwegs seien und die Caritas konkret kennenlernen könnten, schaffe Nähe und Orientierung. «Zum Abschluss vor Ort einmal die Schwellenangst zu überwinden, ist aus meiner Sicht elementar.» Erst durch diese direkte Begegnung werde Hilfe als etwas Reales erfahrbar – und nicht als abstraktes Konzept.

Statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mehr als eine betroffene Person.
Sandra Hollenstein

Ebenso zentral sei die Art der Vermittlung. Die spielerischen Elemente und die bewusste Reduktion auf das Wesentliche eröffneten den Jugendlichen einen Zugang, der Raum für eigene Gedanken lasse. Nähe, Offenheit und eine klare Sprache wirkten dabei stärker als eine möglichst umfassende Wissensvermittlung.

Auch Pina De Marco-Zagaria weist auf den Perspektivenwechsel hin, den die Angebote ermöglichen. «Armut wird häufig vor allem mit Drittweltländern in Verbindung gebracht, weniger jedoch mit der Schweiz», beschreibt sie eine Wahrnehmung, die vielen Jugendlichen zunächst naheliege. Die Auseinandersetzung habe deutlich gemacht, dass soziale Not auch in einem wohlhabenden Land präsent sei. Gleichzeitig eröffne das Angebot Raum, um Verantwortung und Solidarität als gesellschaftliche Fragen zu reflektieren. Die methodische Vielfalt trage dazu bei, dass sich die Schüler*innen aktiv einbringen und das Thema nicht nur kognitiv, sondern auch persönlich bearbeiten könnten.

Als besonders prägend beschreibt sie den Abschluss im Caritas-Markt. «Dadurch konnten die Schülerinnen und Schüler Preise vergleichen, Unterschiede im Einkauf erleben und sich ein konkretes Bild davon machen, was es bedeutet, mit einem knappen Budget auszukommen.» Diese Erfahrung verdichte das zuvor Besprochene und verankere es nachhaltig. Das Erlebte lasse sich so leichter mit dem eigenen Alltag verbinden.

Solidarität lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht dort, wo Menschen einander begegnen – in Familien, im Freundeskreis oder im Klassenzimmer. Wenn Jugendliche erkennen, dass finanzielle Unsicherheit kein individuelles Versagen ist, sondern Teil einer gesellschaftlichen Realität, verändert sich der Blick aufeinander. Solidarität wird so zu einer Haltung, die im Alltag wächst und weitergetragen wird.

 

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 2026/1 des Caritas Regional Magazin.