03.07.2026

Vierzigjährige Spirale

Seit 40 Jahren richtet sich das Seminar «sozial engagiert» an Menschen, die sich vor Ort freiwillig oder beruflich im sozialen Bereich engagieren möchten. Am 2. Juli feierte das Seminar im Gut & Güter in St. Gallen sein 40-jähriges Bestehen.

Das Seminar ist seit vier Jahrzehnten als multidisziplinäres Bildungsprogramm in der Region verankert. Es vermittelt Wissen, eröffnet Zugänge zu unterschiedlichen sozialen Wirkungsfeldern und schafft Raum für persönliche Reflexion. Zugleich bringt es Menschen miteinander ins Gespräch, die sich mit sozialen Fragen auseinandersetzen und ihr Engagement fundiert weiterentwickeln möchten.

Hinter dieser Vielfalt steht eine langjährige Zusammenarbeit wertvoller Institutionen. Caritas St. Gallen-Appenzell, der Katholische Konfessionsteil des Kantons St. Gallen und die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen tragen mit ihren Perspektiven, Erfahrungen und Netzwerken dazu bei, dass soziale Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden können. Soziales Engagement endet nicht an institutionellen Grenzen. Es wird dort stärker, wo Fachwissen, Erfahrung und persönliche Haltung zusammenkommen.

Am Jubiläumsanlass blickten die aktuelle Kursleiterin Ursula Schelling, ihre Vorgängerin Silvia Hermann-Segmüller, Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Institutionen sowie ehemalige Teilnehmende aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Seminar zurück. Unter anderem sprachen Hans Brändle vom Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen sowie Annina Policante-Schön von der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen. In ihren Beiträgen wurde deutlich, weshalb soziales Engagement auch heute eine zentrale Bedeutung hat: Soziale Herausforderungen betreffen nicht nur einzelne Menschen, sondern das Zusammenleben als Ganzes. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Dialog, Wissen und die Bereitschaft, Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Besonders eindrücklich war der Rückblick von Erna Baumgartner. Sie erzählte, dass sie nach dem Abschluss des Seminars nicht einfach in ihr früheres Leben zurückkehren konnte. Die Ausbildung habe ihre Sicht auf das Leben verändert: Für sie sei klar geworden, dass sie sich engagieren und sozial wirksam werden wollte.

Diese persönliche Veränderung verband sie mit einem Bild, das ihr aus dem Seminar in Erinnerung geblieben war: der Diakonie als Spirale. Im Nachdenken darüber habe sie verstanden, dass sie selbst im Zentrum dieser Spirale stehe. 

Diakonie beginne nicht an einem fernen Ort oder nur in einer bestimmten Institution, sondern dort, wo ein Mensch gerade ist: im eigenen Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Von dort aus könne sich Engagement weiter öffnen – Schritt für Schritt, Kreis für Kreis.

Wer sich sozial engagiert, begegnet Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Ressourcen und Verletzlichkeiten. Dialog bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als Austausch. Er hilft, Erfahrungen einzuordnen, Zusammenhänge besser zu verstehen und vorschnelle Urteile zu vermeiden. So kann Engagement über punktuelle Hilfe hinausgehen und zu einer solidarischen Praxis werden.

Ein stiller und zugleich bewegender Moment des Abends war das Gedenken an Marianne Jochem, die das Seminar über viele Jahre mit Herzblut mitgetragen hatte und nicht mehr unter uns ist. In den Worten von Annina Policante-Schön wurde spürbar, wie sehr das Seminar von Menschen geprägt wurde und wird, die soziale Bildung nicht nur organisieren, sondern mit Haltung, Erfahrung und persönlichem Engagement lebendig machen. Stellvertretend war ihr Ehemann Herbert Jocham anwesend.

Der Anlass bot zugleich Gelegenheit, bestehende Verbindungen zu erneuern und neue Kontakte zwischen verschiedenen Generationen des Seminars zu knüpfen. Ehemalige und aktuelle Beteiligte kamen miteinander ins Gespräch, teilten Erinnerungen und tauschten sich darüber aus, welche Bedeutung das Seminar für ihren eigenen Weg im sozialen Engagement hatte.

Bei einem leichten Abendessen, angeregten Gesprächen und musikalischer Begleitung durch Christof Lutz am Piano und Melanie Malou mit Gesang klang der Anlass in einer offenen und wertschätzenden Atmosphäre aus. Das Jubiläum blickte auf 40 Jahre Seminararbeit zurück und machte zugleich deutlich, wie wichtig reflektiertes, dialogisches und solidarisches Engagement weiterhin bleibt.

Weitere Informationen

Seminar Sozial Engagiert