17.03.2026

Neue Geschäftsleiterin

Die steigenden Lebenshaltenskosten bringen viele Menschen an ihre finanzielle Grenze. Annette Ebert hat im Februar die Geschäftsleitung von Caritas Thurgau übernommen. Im Gespräch hält sie die Schwerpunkte ihrer Arbeit fest.

Wann kamen Sie in Berührung mit dem Thema Armut?

Ich war jahrelang alleinerziehende Mutter und konnte mir keine noch so kleinen Extras leisten. Der Fokus lag nur darauf, den Monat zu überstehen und meinen Kindern trotz aller Not eine möglichst sorgenfreie Kindheit zu ermöglichen. Ich kenne die Ängste und die Scham, die das mit sich bringt. Ohne gute Freunde, die meine Kinder während meiner Arbeit kostenlos gehütet haben, wäre ich sicherlich auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Einen Kita-Platz kann man sich in der Regel als alleinerziehende Mutter nicht leisten. 

Welche Ihrer beruflichen Erfahrungen werden für Caritas Thurgau besonders wertvoll sein?

Aus meiner jahrelangen Erfahrung in der Altersarbeit ist mir das Thema Altersarmut bekannt und ich bin grundsätzlich in verschiedenen sozialen Themen, für die sich Caritas Thurgau einsetzt, gut vernetzt und bringe hier auch Projekterfahrung mit.

Haben Sie sich für die ersten 100 Tage ein Ziel gesetzt?

Ich möchte in einer ersten Phase das Team, die Strukturen, Projekte und Prozesse der Caritas Thurgau kennen lernen und mich mit den wichtigen Partnern austauschen. Danach werde ich entscheiden, wo es Sinn macht, Anpassungen oder Verbesserungen einzuführen. Natürlich gibt es auch das eine oder andere Projekt, das ich gerne mit meinem Team in Angriff nehmen möchte.  

Welche Aufgaben sehen Sie als dringlich an?

Die Mittelbeschaffung und die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Situationen, welche Menschen in die Armut bringt. 

Können Sie ein Bild zeichnen von der aktuellen Armutsbetroffenheit im Kanton Thurgau? 

Dies ist nicht ganz so einfach darzustellen. Das eine sind die nüchternen Zahlen, die zeigen, dass die Sozialhilfequote im Kanton Thurgau erstmals seit 2017 wieder gestiegen ist. Dies relativiert sich wiederum in den Berichten zum Bevölkerungswachstum. Auch wird erwähnt, dass der Kanton Thurgau im Schweizer Vergleich eine tiefe Sozialhilfequote hat. Dies suggeriert, dass es der Bevölkerung hier im Vergleich zur restlichen Schweiz relativ gut geht. 

Man darf sich von diesen Zahlen nicht täuschen lassen. Die Dunkelziffer ist gerade bei der armutsbetroffenen Bevölkerung sehr hoch. Vermutlich zeigen diese nur die Spitze des Eisberges, da der Begriff Sozialhilfe nach wie vor mit viel Scham und Ängsten für die bedürftigen Menschen verbunden ist. Für viele armutsbetroffene Menschen bedeutet dies gesellschaftliche Ausgrenzung, was zusätzlich zu der finanziellen Notlage auch eine hohe psychische Belastung darstellt.

Die steigenden Lebenshaltenskosten in der ganzen Schweiz bringen viele Menschen an ihre finanzielle Grenze und ich denke, der Kanton Thurgau ist hier keine Ausnahme. Es ist ebenso eine Tatsache, dass die demographische Entwicklung Auswirkungen auf die Altersarmut bringen wird. Es ist erwiesen, dass gerade für ältere Personen der Ausstieg aus der Sozialhilfe schwer ist oder sie es oft gar nicht schaffen. Alleinerziehende ohne zahlbare Kitaplätze, Familienarmut und Working Poor bei Niedriglöhnen werden uns in den kommenden Jahren vermehrt herausfordern. Auch sieht man immer mehr junge Menschen, die sich durch Kreditangebote und Abzahlungsmodelle verschulden und nicht mehr alleine aus dieser Situation kommen und in eine Schuldenspirale fallen. Hier würde ich mir mehr Regulation und Aufklärung wünschen. 

Wie kann die Leserschaft Caritas Thurgau unterstützen?

Gerade im Zusammenhang zur vorangegangenen Frage wünsche ich mir, dass sich die Menschen mehr mit dem Thema Armut im Kanton Thurgau auseinandersetzen und sich nicht von publizierten Statistiken blenden lassen. Ich wünsche mir auch, dass sich die Menschen mehr für die armutsbetroffene Bevölkerung einsetzen. Oft weiss man nicht, wie helfen. Ich lade sie dazu ein, sich aktiv bei uns zu melden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten uns zu unterstützen, sei es als Spender*in, Mitglied oder als Freiwillige*r bei Angeboten von uns.

Die neue Ausgabe Caritas regional widmet sich dem Thema „Armut und psychische Gesundheit“. Welche Gedanken dazu möchten Sie mit uns teilen? 

Ich habe bei meiner letzten Tätigkeit an einer Studie mitgearbeitet, die das Thema Einsamkeit und die damit verbundenen Auswirkungen untersuchte. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Einsamkeit krank macht. Ein Faktor für soziale Isolation ist die Armut, da man gezwungener Weise nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Dazu kommt oft die psychische Belastung, da es sich bei Armut um ein in der Gesellschaft tabuisiertes Thema handelt. 

Melden Sie sich gerne bei uns, wenn Sie helfen wollen.

Interview mit Liliane Elspass