14.10.2026
Stadtrundgänge «Päch gha!»
Bei «Päch gha!» werden Tore und Gassen, Brücken und Unterführungen zur Bühne für einen eindrücklichen szenischen Rundgang zum Thema Armut und Gesundheit. Die vier Hauptfiguren, gespielt von freiwilligen bühnenerfahrenen Laien, basieren auf realen Armutsgeschichten. Mit Schauspieler Ozan Javer werfen wir einen Blick hinter die Kulissen.
Text und Fotos: Nathalie Philipp
aus: Magazin «Caritas regional» 2026/2
Eine der Figuren sticht im Rundgang etwas heraus: Der junge Mann taucht zwischen den Szenen immer wieder auf, verschenkt Glückspfennige und stellt dem Publikum Fragen. Irgendwann erzählt er den Teilnehmenden etwas auf Türkisch. Erst ganz am Schluss erfährt das Publikum in einer ausdrucksstarken Szene, die fast ohne Worte auskommt, von den Erlebnissen seiner Fluchtgeschichte. Es ist Mehmet, gespielt von Ozan Javer, der selbst vor eineinhalb Jahren aus der Türkei geflohen ist.
Wie die anderen freiwilligen Schauspielenden auch, hat Ozan nicht einfach nur einen fertigen Text gelernt. Denn bei «Päch gha!» war Mitwirkung das Prinzip. Unter der Regie von Joëlle Anina Müller entstanden die Rollen gemeinsam mit den Schauspielenden – aus Improvisationen und Körperarbeit während der Proben. Und da Ozan noch nicht gut Deutsch kann, kommt es dazu, dass das Publikum eine Szene lang nur Türkisch hört. Ein bewusster Entscheid: Auch Nichtverstandenwerden kann sich wie Ausgrenzung anfühlen.
Die Geschichten bei «Päch gha!» basieren auf wahren Armutsbiografien. Denn mit dem Stück will Caritas vor allem eines aufzeigen: Armut kann jeden treffen. Wie hat Ozan das Projekt erlebt? Das verrät er im Interview, das wir übersetzt haben.
Ozan Javer, wer sind Sie und wie kamen Sie zu dem Projekt?
Ich bin Theaterschauspieler und mit meiner Frau aus der Türkei geflohen. Aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit kamen wir unter Druck und ein sicheres Leben war nicht mehr möglich. In der Schweiz leben wir als politische Flüchtlinge.
Theater ist meine Leidenschaft. Ich kann zwar noch nicht gut Deutsch, doch die Sprache des Theaters ist universell. Zusammen mit anderen kann ich mich in dieser Sprache frei ausdrücken. Als ich auf die Ausschreibung für die Rundgänge zum Thema Armut und Gesundheit stiess, war ich sofort begeistert.
Armut ist ein grosses Problem, das uns überall auf der Welt begegnet. Ich habe Armut sowohl in meinem früheren Umfeld als auch beim Neuanfang in einem fremden Land erlebt. Gerade in der Schweiz ist Armut häufig unsichtbar. Wer aus finanziellen Gründen nicht am sozialen Leben teilnehmen kann, verliert oft auch ein Stück seiner Würde. Ich halte es für wichtig, dieses Thema mit den Mitteln des Theaters zu den Menschen zu bringen. Als Schauspieler glaube ich an die Kraft von Geschichten, die Empathie entstehen lassen.
Welche Szene oder welche Frage hat Sie bewegt?
Besonders berührt haben mich die Szenen, in denen Mehmet von maskierten Gestalten beschimpft und verhöhnt wird. Diese Stimmen stehen für innere und äussere Verurteilungen. Viele Menschen sind alltäglich mit solchen Stimmen konfrontiert.
Im Stück geht es oft um die Fragen: «Was ist Glück? Wie viel Glück braucht ein Mensch?» Glück bedeutet für jede*n etwas anderes. Für die einen ist es ein Gefühl, dem sie nachjagen, für die anderen bedeutet es Glück, wenn die existenziellen Bedürfnisse erfüllt werden.
Für mich persönlich bedeutet Glück vor allem, mich sicher zu fühlen, mich frei ausdrücken zu können. Das Leben hat mich ausserdem gelehrt, dass Glück nicht durch Besitz entsteht, sondern durch das, was wir miteinander teilen, und durch die Beziehungen, die wir aufbauen.
Wie haben Sie die Arbeit am Stück empfunden?
Ich fühlte mich sofort wohl. Alle im Team verbindet die Leidenschaft für das Theater und die Sensibilität für gesellschaftliche Themen. Da ich noch nicht gut Deutsch spreche, fiel es mir manchmal schwer, Szenen oder Texte vollständig zu verstehen. Die Regisseurin Joëlle Anina Müller erklärte mir mit grosser Geduld und anhand von Übersetzungs-Apps die Details. Das war etwas Besonderes. Ich durfte erleben, dass Sprache kein unüberwindbares Hindernis ist. Bei der Arbeit am Stück gab es anspruchsvolle und emotionale Momente, doch jede neue Idee brachte uns weiter. Das Stück spiegelt nun die Überzeugungen von uns allen wider. Ich bin daher sehr dankbar. Das Projekt hat mir gezeigt, wie wertvoll Solidarität, gemeinsames Schaffen und gegenseitiges Verständnis sind.
Was soll der Rundgang beim Publikum auslösen?
Unser Ziel ist es, eine echte Verbindung zum Publikum herzustellen. Wir wollen erreichen, dass die Menschen nachdenken und sich fragen: Was ist Glück? Was brauchen wir wirklich? Was kann ich persönlich dazu beitragen, dass sich Probleme lösen?
Die Welt, in der wir heute leben, treibt leider immer mehr Menschen in Armut, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Mit diesem Stück wollen wir dazu anregen, sich selbst, das persönliche Umfeld und die Gesellschaft aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Für mich lautet die wichtigste Erkenntnis aus dem Stück: Solange wir einander wirklich zuhören und versuchen, uns gegenseitig zu verstehen, gibt es selbst für die schwierigsten Probleme immer Hoffnung auf eine Lösung. Das Theater ist einer der kraftvollsten Wege, diese Hoffnung lebendig zu halten.
«Erst durch die Recherchen für dieses Stück wurde mir bewusst, dass unser soziales Auffangnetz zahlreiche Lücken hat. Armut kann jede*n treffen. Und Armut hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern auch damit, wie schnell Menschen den Anschluss an die Gemeinschaft verlieren.»
Regisseurin Joëlle Anina Müller
«Päch gha!» in Solothurn und Olten
Im Auftrag des Kantons Solothurn entwickelte Caritas die szenischen Stadtrundgänge «Päch gha!», die für den Zusammenhang von Armut und Gesundheit sensibilisieren. Die nächsten Rundgänge sind 2027 buchbar.
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