05.10.2026
Vier Regionen - vier Perspektiven - Teil 1
Die Vielfalt ist im Kanton Graubünden stark ausgeprägt durch drei Landessprachen, abwechslungsreiche Berglandschaften, unzählige Täler, seine Menschen, Traditionen, Gebräuche und Geschichten. Was macht diesen Kanton und seine Regionen so besonders? Welche Themen beschäftigen die Menschen und wo bestehen Anknüpfungspunkte für Caritas Graubünden? Vier Persönlichkeiten aus vier Regionen erläutern ihre Sicht. Den Auftakt machen Christian Jott Jenny als Gemeindepräsident von St. Moritz mit Blick aufs Engadin, und Nationalrat Martin Candinas mit einer persönlichen Einschätzung zu seinem Heimatort, der Surselva.
Graubünden ist der flächengrösste Kanton. Gleichzeitig ist er der gebirgigste und dadurch der am dünnsten besiedelte Kanton der Schweiz. Vielleicht gerade deshalb sind die Menschen in den verzweigten Tälern und liebevoll gestalteten Dörfern auch heute noch eng miteinander verbunden und wahren achtsam ihre kulturelle Identität. Diese Besonderheiten wollen wir in dieser zweiteiligen Serie einfangen.
Nichts scheint unmöglich
Christian Jott Jenny, was macht das Engadin für Sie als Gemeindepräsident von St. Moritz, Zürcher Entertainer und Wahlengadiner, besonders?
St. Moritz ist ein Sehnsuchtsort. Eingebettet in der grandiosen, einmaligen Natur des Engadins. In St. Moritz scheint nichts unmöglich zu sein - "If you can make it there … also eigentlich here, you can make it everywhere"! St. Moritz ist - leider – schwarz-weiss: Man liebt oder verabscheut es. Letzteres meist, weil man es nicht recht erfasst hat oder aber enttäuscht wurde.
Welche Entwicklungen und Herausforderungen beschäftigen die Region aktuell und welche zeichnen sich ab?
Die regionale Zusammenarbeit bereitet mir etwas Sorgen: Das Oberengadin zählt knapp 17’500 ständige Einwohner*innen. Das sind zu wenige, um von rund 12 Gemeindepräsident*innen, 82 Exekutivvorständen und gar noch einem Parlament verwaltet zu werden. Hier sollten wir zusammenwachsen – finde ich.
Welche Themen, Bedürfnisse und Anliegen beschäftigen die Menschen im Engadin?
Brennend sind sicherlich Wohnungen für Einheimische, notabene: bezahlbare! Aber ich bin überzeugt, dass wir das mittelfristig in den Griff kriegen. Abwanderung in die Stadt ist sicherlich auch ein Thema; man geht davon aus, dass sich die Bevölkerung bis 2040 eher verkleinert als vergrössert. Das Engadin muss lebenswert bleiben für Normalsterbliche, sonst wird es zu einem Retortenort.
Wo sehen Sie Möglichkeiten einer Zusammenarbeit oder Unterstützung durch Caritas Graubünden?
Ich persönlich bin ein grosser Fan der Tätigkeiten von Caritas. Ich bewundere diese sehr. Und ich unterstütze sie auch, wo ich kann. Sei es als Gemeindepräsident oder auch als Kulturproduzent. Gerade als Vorsteher einer der reichsten Gemeinden im Lande sollte man sich immer wieder bewusst sein, dass nicht für alle die Sonne an 437 Tagen scheint wie in St. Moritz. Hier muss man seinen Beitrag leisten. Jeder und jede. Aber vor allem sollen sich vermögende Gemeinden bewusst sein, dass sie auch mit vermeintlich „kleinen“ Beiträgen viel bewirken können.
«Nicht für alle scheint die Sonne an 437 Tagen wie in St. Moritz. Hier muss man seinen Beitrag leisten.»
Noch ein persönlicher Gedanke oder Wunsch, den wir im Caritas Regional bei dieser Gelegenheit aufnehmen können?
Ich wünsche mir persönlich, dass wir uns an diesem Sonnenfleck der Erde stets bewusst sind, dass wir im „Mikrokosmos aller Mikrokosmen“ leben. Wie wir hier leben können, in Saus und Braus (und in Sicherheit!) ist heutzutage nicht selbstverständlich. Oder soll ich auch hier wieder mal Mani Matter zitieren? - Lassen wirs. Und denken es uns.
Realitäten gesamthaft betrachten
Martin Candinas, als Bundespolitiker und aktives Mitglied verschiedener politischer Kommissionen mit Präsenz im In- und Ausland, ist die Surselva Ihr Ort der Erholung und des Rückzugs. Was macht die Surselva für Sie so besonders?
Surselva ist für mich Heimat. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Hier begannen mein gesellschaftliches und politisches Engagement wie die Gründung der Jungen CVP Surselva. Mit dieser Region bin ich eng verbunden. Hier habe ich meine Wurzeln.
In welcher Sprache fühlen Sie sich zu Hause?
Romontsch (sagt Martin Candinas spontan und lacht)! Romanisch ist Teil meiner Identität. Wir sind eine Familie, die stark vom Rätoromanischen geprägt ist so wie Sumvitg selbst, die als Gemeinde zahlreiche Schriftsteller und Dichter hervorgebracht hat. Hier werden das Rätoromanische und seine Kultur gepflegt. Deutsch lernte ich erst ab der vierten Primarschulklasse.
Welche Entwicklungen und Herausforderungen beschäftigen die Region?
Die Surselva ist geprägt von Landwirtschaft und Tourismus. Als Bergregion muss sie sich Herausforderungen stellen, wie sie andere Bergregionen auch kennen. Das ist die örtliche Erschliessung, das Sicherstellen eines flächendeckenden Service public und die Ansiedlung neuer Unternehmungen mit einer möglichst umfassenden Palette an verschiedenen Arbeitsplätzen. Der Tourismus bei uns ist oft mit einem Zweitwohnungsanteil verbunden und einem hohen Willen zur Integration in die Surselva. Das sehe ich als Stärke unserer Region und vermehrt auch für die Zukunft. In der Zeit als ich Präsident von Opera Viva in Obersaxen war, konnten wir beispielsweise eine aktive Beteiligung von Zweitheimischen an Kulturprojekten feststellen. Eine Tatsache, die sich heute ebenso im sozialen Bereich, im Sport und in Vereinen, wahrnehmen lässt. Zudem sind wir verkehrstechnisch in der Surselva nicht so weit von zentralen Orten entfernt, wie dies scheinen mag. Von Ilanz erreicht man Zürich mit dem öV in zwei Stunden! Diese rasche Erreichbarkeit zusammen mit der Verbindung zwischen Ruhe, Entspannung und Natur - wie sie die Surselva bietet - und den Stadtzentren orte ich als grosse Chance für unsere Region ein; und stimmt mich persönlich sehr positiv. Zumal wir immer mobiler werden und die Surselva kulturell, sportlich und sozial viel zu bieten hat.
Ist diese Mobilität wie das jederzeitige rasche Erreichen von Chur für Armutsbetroffene in der Surselva ebenso möglich?
Es geht um Realitäten, die man im Gesamten betrachten muss. Wenn man will, findet man den Weg – auch im übertragenen Sinn. Ein minimaler Wille ist tatsächlich Voraussetzung. Die Solidarität in den Bergregionen ist noch immer stark ausgeprägt, genauso wie Einsamkeit selten ein Thema ist. Man ist füreinander da und hilft sich gegenseitig. Ist die Hemmschwelle jedoch gross und der Wunsch nach Anonymität da, ist dies zu respektieren. Tatsächlich hatte Caritas immer wieder versucht, Projekte in die Regionen zu tragen. Dass in Chur beide Caritas-Standorte nahe beim Bahnhof sind, ist ein grosser Vorteil. Caritas als Organisation ist in der Surselva wohl bekannt. Damals schon vor zwanzig Jahren als ich im Vorstand von Caritas war, galt, dass Caritas dank der Anonymität der Stadt ihr Angebot in Chur haben muss. Dieses wird von den bedürftigen Menschen in den Regionen ebenso genutzt.
«Es braucht flexible und pragmatische Lösungen, die Eigenverantwortung voraussetzen dürfen.»
Entscheidend ist, dass die Beratungsdienstleistungen von Caritas, die auch telefonisch oder digital - jedenfalls ortsunabhängig – auf Augenhöhe erfolgen und flexibel gehandhabt werden. Ich bin überzeugt, dass gerade diese Flexibilität in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen wird. Daher braucht es flexible und pragmatische Lösungen, die, ohne die Menschen erziehen zu wollen, Eigenverantwortung voraussetzen dürfen.