22.04.2026
Schulden: das Schweigen für einen Neubeginn brechen
Verschuldung umfasst nicht nur eine Reihe von roten Zahlen, sondern stellt auch eine belastende Situation dar. Durchbrechen wir das Tabu, um die Würde wiederherzustellen.
Schulden fühlen sich an wie eine Last, die einem die Brust zuschnürt. Sie bringen eine bedrückende, lähmende Stille mit sich, die isoliert und irgendwann wagt man es kaum noch den Briefkasten zu öffnen. Um dieser Realität ein Gesicht zu geben, präsentieren wir hier den Werdegang eines Familienvaters (wir nennen ihn Herrn Müller) und die Sichtweise von Beatrice Walther, Sozialarbeiterin bei Caritas Freiburg. Das Schweigen zu brechen, ist oft der erste Schritt, um seine Würde zurückzugewinnen.
«Es war wie ein permanentes Luftanhalten», fasst Herr Müller zusammen. Jahrelang hielt er den Atem an: Lohnpfändungen, Angst vor Briefen, Nächte, die von endlosen Rechnereien unterbrochen wurden und eine Scham. die sich festsetzte. Die Schulden überschatteten alles: Beziehungen, Schlaf, Selbstwertgefühl. Man meidet andere Menschen, schiebt Dinge auf, erschöpft sich …. bis der Berg irgendwann zu hoch wird, um ihn allein zu tragen.
Sein Wendepunkt war kein Wundermittel, sondern eine Tür, die aufgestossen wurde. Als er die Tür von Caritas Freiburg durchschritt, fand Herr Müller das, was ihm am meisten gefehlt hatte: eine ehrliche Aufnahme ohne Vorurteile. «Zum ersten Mal konnte ich alles sagen. Man hat respektvoll mit mir gesprochen». Er war nicht mehr bloss «ein Fall», sondern wurde als Mensch wahrgenommen. Diese Anerkennung war wie ein Aufatmen.
Das Ende des Chaos
Der Wendepunkt war nicht die sofortige Tilgung der Schulden, sondern das Ende des Chaos. Die Dokumente verstehen, seine Rechte kennen, das Dringende vom Wichtigen unterscheiden. Mit der Begleitung verwandelte sich die Angst in einen konkreten Handlungsplan.
Für Beatrice Walther besteht der erste Schritt darin, den «Nebel zu lichten». Gemeinsam mit den begleiteten Personen erstellt sie eine vollständige Übersicht: Budget, Schuldenbilanz, Prioritäten und mögliche Einsparpotenziale. Diese Diagnose ermöglicht es, die Optionen zu bewerten: Ist eine Sanierung realistisch? Lässt sich eine Pfändung anpassen, mit Gläubigern verhandeln, Hilfen beantragen – zum Beispiel für die Krankenkassenprämien?
Aber manchmal ist es schwer, die Wahrheit zu sagen. «Einer Person mitteilen zu müssen, dass sie weiterhin mit Schulden leben muss, ist belastend», gesteht sie. Das Betreibungsrecht lässt Privatpersonen wenig Spielraum und bestimmte Regeln führen in eine Sackgasse: Da die Steuern nicht in die Berechnung des Existenzminimums einbezogen werden, häufen Haushalte trotz Pfändungen und eigener Anstrengungen neue Schulden an. In diesen Fällen hilft Klarheit, zwischen dem, was beeinflussbar ist und was auf rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen zurückgeht. Prioritäten setzen Bei Herrn Müller hat sich alles verändert, als er sich scheiden liess. Seine Einkünfte erlaubten keine Sanierung: Seine Schulden waren nicht enorm, jedoch reichten einige Betreibungen und eine Lohnpfändung aus, um das Budget so ins Wanken zu bringen, dass die laufenden Steuern nicht mehr bezahlt werden konnten. Mit der Unterstützung seiner Sozialarbeiterin, hat er seine Ausgaben angepasst, Prioritäten gesetzt und seine Situation stabilisiert. Ohne Begleitung wäre die Verschuldung chronisch geworden.
«Auf die Beine zu kommen ist ein Marathon, kein Sprint», erinnert Beatrice Walther. Stabilität wird Zentimeter für Zentimeter gewonnen: Die Abwärtsspirale stoppen, das Budget restrukturieren und dann – wenn die Bedingungen es zulassen – sich auf eine dreijährige Sanierung einlassen. Es ist anspruchsvoll, und Rückfälle gibt es, aber sie gehören dazu. Im Laufe der Monate gewinnen die Menschen ihre Handlungsfähigkeit zurück: Sie erdulden nicht mehr, sie entscheiden.
Die Meinung von Spendern
Eines Tages wandte sich ein Spenderpaar an Caritas Freiburg mit dem Wunsch, eine anonyme Spende zu tätigen, um einer Person zu helfen, ihre Schulden zu begleichen. Die Lage von Herr Müller wurde ausgewählt. Dank dieser Grosszügigkeit konnten die Betreibungen beglichen werden und die Lohnpfändungen aufgehoben werden. Obgleich er weiterhin einen bescheidenen Lebensstil pflegen muss, kann er nun zumindest sämtliche laufenden Kosten wieder bezahlen. Er sagt, er sei äusserst erleichtert und dankbar. Nicht alles ist einfacher geworden, aber alles ist wieder möglich: Die Zukunft stellt keine Bedrohung mehr dar und ein Neuanfang kann beginnen.
Die Schulden haben nicht das letzte Wort
Nachdem ein anonym bleiben wollendes Ehepaar eine Sendung von « Temps présent» zu Überschuldung gesehen hatte, entschied es sich zu einer bedeutenden Spende an Caritas Freiburg. Das Ziel: einer Person zu helfen, den Teufelskreis der Schulden zu durchbrechen, aus dem man allein kaum herauskommt.
Was hat Sie zu dieser Spende bewogen?
Wir haben die Sendung vom 24. Juli 2025 gesehen. Ein Satz hat uns besonders berührt: Eine überwiegende Mehrheit der überschuldeten Menschen schafft es nicht, wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben daher beschlossen, einen namhaften Betrag zu spenden, der es einer Person ermöglichen kann, aus einer solchen ausweglosen Situation herauszukommen. Bei der Berechnung des Existenzminimums werden die Steuern nicht berücksichtigt. Entsprechend verschulden sich die betroffenen Personen zwangsläufig weiter und die Zahlungsbefehle häufen sich.
Man gerät schliesslich in eine absurde Situation: Man macht neue Schulden, um alte Schulden zu bezahlen. Es ist keine Frage des «schlechten Willens», sondern ein Teufelskreis.
Warum haben Sie Caritas Freiburg gewählt?
Weil in solchen Situationen Geld allein nicht ausreicht: Es geht darum, Prioritäten zu verstehen, zu verhandeln, Stabilität zu schaffen und zu verhindern, dass ein Problem ein anderes auslöst. Caritas Freiburg verfügt über die Fachwissen, das Netzwerk und die Unterstützung. Das ist wichtig.
Wir haben die Person nicht «ausgewählt»: Caritas Freiburg hat eine Situation identifiziert, in der der zur Verfügung gestellte Betrag den Teufelskreis tatsächlich durchbrechen konnte.
Ein Punkt, der in der Sendung angesprochen wurde, hat uns beeindruckt: Auch eingefrorene Schulden (z.B. ein Verlustschein) können später wieder aktiviert werden. In solchen Fällen bewirkt eine bedeutende Spende einen klaren Schnitt und durchbricht die Schuldenspirale.
Unsere Spende ermöglichte es, Rückstände zu begleichen, die die Person unter Druck setzten, eine Reihe von Verfahren und Mahnungen zu stoppen und wieder Luft zu holen. Genau das war unser Ziel.