14.10.2026
Nähen und vernetzen
Seit 2021 führt Caritas Aargau Näh-Ateliers für Frauen. In Aarau, Baden, Brugg und Wohlen können Besucherinnen an ihren persönlichen Projekten arbeiten und ihre Fähigkeiten im Nähen und Schneidern verbessern. In dem beliebten Treffpunkt geht es jedoch nicht nur um Nähtechnik.
Text: Nathalie Philipp, Bilder: zvg
Aus Magazin «Caritas Regional»
«Hallo, schön, dass du da bist!»
Ein Lachen hier, eine Umarmung dort. Noch bevor die Nähmaschinen anlaufen, werden Taschen ausgepackt und Begrüssungen ausgetauscht. Auf dem Tisch liegen Stoffe, Schnittmuster und Stecknadeln bereit. Kurz darauf füllt das Rattern der Nähmaschinen den kleinen Raum an der Mellingerstrasse in Baden, direkt hinter dem Secondhand-Laden von Caritas.
Jeden Freitagmorgen treffen sich hier fünf bis sechs Frauen im Näh-Atelier von Caritas Aargau. Die eine kürzt eine Hose, die nächste näht eine Bluse enger, eine andere versucht sich an einem Reissverschluss. Jede bringt ihr eigenes Projekt mit – und doch entsteht vieles gemeinsam. Wer nicht weiterkommt, fragt die freiwillige Leiterin oder einfach die Frau nebenan.
Das Angebot richtet sich vor allem an Frauen, die keine eigene Nähmaschine besitzen. Hier können sie ihre Arbeiten ausführen und sich nebenbei austauschen. Viele verfügen über die KulturLegi und können Maschinen und Material kostenlos nutzen. Begleitet wird das Atelier von zwei fachlich kompetenten Freiwilligen, die viel Erfahrung im Nähen und Schneidern besitzen.
Mehr als Stoff und Faden
Eine von ihnen ist Antonia Gambon. Die gelernte Konfektionsindustrie-Schneiderin engagiert sich seit Beginn der Näh-Ateliers. «Als meine Kinder älter wurden, wollte ich etwas Sinnvolles machen, das mir Freude bereitet und bei dem ich mein Fachwissen einbringen kann», erzählt sie. Heute hilft sie beim Zuschneiden oder erklärt, wie ein Hosenbein sauber gekürzt wird.
«Der soziale Aspekt ist im Näh-Atelier ebenfalls wichtig», sagt sie. «Beispielsweise ist für viele Deutschlernen ein Thema.» Dies geschieht im Näh-Atelier ganz nebenbei. Nicht, weil jemand Vokabeln abfragt. Es entsteht im Gespräch.
Die Lebensgeschichten der Besucherinnen sind unterschiedlich: Manche Frauen leben erst seit Kurzem in der Schweiz, andere seit Jahren. «Die meisten haben privat nicht ganz einfache Situationen. Manche kämpfen mit gesundheitlichen, finanziellen oder familiären Belastungen», erzählt Antonia Gambon. Von den Problemen ist jedoch im Näh-Atelier nicht ständig die Rede. Aber hin und wieder, wenn es sich ergibt oder wenn der Kaffee eingeschenkt wird. Zur obligatorischen Kaffeepause bringt öfter jemand etwas Selbstgebackenes mit. Mal eine Spezialität aus Marokko, mal aus Kurdistan oder einem anderen Herkunftsland. Dabei wird erzählt, gelacht und manchmal über Alltagssorgen gesprochen.
«Ich finde es lehrreich, die Lebenserfahrungen der anderen zu hören.»
Noemi
Gespräche in der Kaffeepause
«Obwohl wir aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Herkunftsländern kommen, verstehen wir uns sehr gut», sagt die langjährige Besucherin Noemi. «Ich finde es immer lehrreich, die Lebenserfahrungen der anderen zu hören.» Mit der Zeit seien Freundschaften entstanden, berichtet die Brasilianerin. «Manchmal sind wir schon fast wie eine Familie.»
Gülperi kommt seit über einem Jahr regelmässig ins Näh-Atelier. «Ich kann zwar gut nähen, aber bei Schnittmustern brauche ich immer wieder Hilfe», erzählt die eifrige Näherin und lacht. «Schade ist nur, dass die Zeit immer so schnell vorbeigeht und das Näh-Atelier nicht öfter stattfindet.»
Eine andere Besucherin, Birgül, wollte heute Knopflöcher in eine Bluse nähen. «Auch gemeinsam haben wir das vorhin nicht hinbekommen», erzählt sie. «Nun hat Loubna angeboten, die Bluse mit nach Hause zu nehmen und sie bis zum nächsten Mal fertigzustellen.»
Für Loubna Chalhi ist das selbstverständlich. Dabei sass sie vor einiger Zeit selbst als Teilnehmerin an einem der Tische. Die gelernte Architektin aus Marokko nutzte das Näh-Atelier, um Deutsch zu üben und Kontakte zu knüpfen. Heute engagiert sie sich als freiwillige Helferin und unterstützt andere Frauen.
Wer etwas kann, gibt es weiter
Manchmal entstehen aus den Begegnungen neue Ideen. Eine Teilnehmerin organisierte ausserhalb des Näh- Ateliers eine kleine Gruppe zum Deutschlernen. Andere machen sich gegenseitig auf Angebote aufmerksam oder bleiben auch nach dem Freitagmorgen in Kontakt.
Antonia Gambon erlebt immer wieder, wie Frauen gestärkt werden und sich weiterentwickeln. Dadurch öffnen sich neue Türen. Eine junge Frau, deren Fluchtgeschichte sie von Anfang an miterlebt hat, fand inzwischen eine Arbeitsstelle. Andere gewinnen Selbstvertrauen, weil sie merken, dass ihre Fähigkeiten gefragt sind. «Und auch mir persönlich hat das Näh-Atelier den Horizont erweitert.»
Die eine hat einen Trick beim Nähen, die andere hilft beim Deutsch, eine dritte kennt ein Angebot, das weiterhilft: Das Näh-Atelier bringt Frauen zusammen, die sich gegenseitig stärken.
Freiwillige für das Näh-Atelier
In Aarau und Wohlen finden Näh-Ateliers jeweils am Montag, in Baden und Brugg jeweils am Freitag statt. Auch Frauen mit geringeren Deutschkenntnissen können sich engagieren. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage.