02.05.2026
Artikel zum Forum Caritas Aargau 2026
«Migration ist das Beste, was diesem Land passieren konnte». Auch der Aargau profitiere von der Zuwanderung, sagt Dieter Egli. Am Caritas-Forum in Aarau sprachen Fachleute über die Migrationsdebatte. Zum Bericht.
«Migration ist das Beste, was diesem Land passieren konnte»
Auch der Aargau profitiere von der Zuwanderung, sagt Dieter Egli. Am Caritas-Forum in Aarau sprachen Fachleute über die Migrationsdebatte.
von Vanessa Schaad, Aargauer Zeitung, 2. Mai 2026
«Eigentlich müssten wir rational entscheiden – aber beim Thema Migration ist das sehr schwierig», sagt Regierungsrat Dieter Egli. Denn das «Fremde» löse Ängste aus. Besonders Menschen in unsicheren Situationen nähmen Migration als Bedrohung wahr, oft aus Sorge um die eigene Zukunft.
Am Forum von Caritas Aargau im Naturama zur 10-Millionen-Initiative der SVP wurde ebenso deutlich: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Zuwanderung wird oft unterschätzt.
Wie lässt sich in einer direkten Demokratie mit einem so emotionalen Thema sachlich umgehen? Mit dieser Frage führt Mathias Küng, Moderator und langjähriger Journalist dieser Zeitung, durch den Abend.
Lisa Marie Borrelli, Professorin für Soziale Arbeit, warnt davor, zu pauschalisieren. «Migration ist weder ein einfaches Problem noch eine einfache Lösung – sie ist eine gesellschaftliche Realität.»
Die Schweiz sei seit Langem darauf angewiesen, auch im Aargau: in der Pflege, im Bau, in der Gastronomie. Gleichzeitig gebe es reale Belastungen. «Wohnraum, Infrastruktur, öffentliche Versorgung – das sind echte Themen.» Entscheidend sei aber, wie man damit umgehe. «Die Schuld bei Migrantinnen und Migranten zu suchen, greift zu kurz.»
Zu starker Fokus auf die negativen Aspekte
Michael Egli von Caritas Schweiz kritisiert den Ton der Migrationsdebatte. «Wir haben einen starken Negativfokus.» Dabei habe die Schweiz enorm profitiert.
Gerade im Asylbereich entstehe ein verzerrtes Bild: «Er steht extrem im Fokus, obwohl er für das Bevölkerungswachstum praktisch irrelevant ist.» Gleichzeitig funktioniere vieles besser als dargestellt, etwa bei der Integration in den Arbeitsmarkt.
Dann stellt Politologe Michael Hermann die grundsätzliche Frage: «Haben wir zu viel Einwanderung – oder führen wir die falsche Diskussion?»
Er verweist auf den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz. «Könnte es nicht sein, dass es uns gerade wegen der Migration so gut geht?» Das Problem: Die positiven Effekte seien weniger sichtbar als die negativen. «Wir sehen lange Schlangen, teure Wohnungen.» Die Folgen einer Begrenzung der Zuwanderung würden erst später spürbar.
Die öffentliche Wahrnehmung ist verzerrt
Regierungsrat Dieter Egli wird deutlicher: «Migration ist das Beste, was diesem Land passieren konnte.»
Viele Migrantinnen und Migranten seien längst Teil des Alltags. Die Aufmerksamkeit richte sich aber auf einen kleinen Teil: «Der emotionale Fokus ist auf dem Asylbereich.»
Nur ein kleiner Teil der ausländischen Bevölkerung beziehe Sozialhilfe, ergänzt Lisa Marie Borrelli. «95 Prozent der Asylsuchenden begehen auch keine Delikte.»
Sie spricht von einer Verzerrung von Informationen, weil dennoch negative Bilder dominierten. «Wenn Fachkräfte kommen, sprechen wir von Expats – das ist positiv. Wenn Menschen flüchten, ist es plötzlich problematisch.»
Michael Hermann ergänzt, dass sich Konkurrenzängste verändert haben. «In den 1970er-Jahren betraf das vor allem die Arbeiterschicht.» Heute spürten auch Mittel- und Oberschicht Konkurrenz – etwa bei Jobs oder Wohnungen. «Dieses Gefühl hat sich ausgeweitet.»
Im Vorfeld des Podiums hielt Michael Hermann in seinem Referat fest, dass Argumente in der Migrationsdebatte kaum etwas bewirken.
Meinung zu Migration bleibt gefestigt
Entscheidend seien Beispiele und Bilder. «Deshalb müssen wir zeigen, dass Integration funktioniert», fügt Michael Egli von Caritas Schweiz an.
«Man kann mit Zahlen argumentieren – und die Angst bleibt trotzdem», ergänzt Borrelli. Es sei einfacher, Angst zu schüren, als komplexe Zusammenhänge zu erklären. Das frustriere sie auch persönlich.
Hermann bringt einen Lösungsansatz: «Wir müssen erreichen, dass die Angst bei einem Ja zur Initiative noch grösser ist als bei einem Nein.» Das Publikum applaudiert. Er spricht die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU an und dass die Schweiz so wirtschaftlich weniger attraktiv würde.
Auch Egli warnt vor Abschottung: «Schon das Signal einer Begrenzung ist brandgefährlich.» Er betont den Faktor Wirtschaft. Firmen könnten eine Schlüsselrolle spielen.
«In den sechs Jahren als Volkswirtschaftsdirektor haben mir viele Unternehmer von Härtefallgesuchen erzählt. Sie wollen die Leute, die sie ausgebildet haben, auch behalten.» Bisher habe er es nicht geschafft, dass die Wirtschaft mehr mit sozialen Partnern zusammenarbeitet.
Hermann ordnet historisch ein: «Früher waren die Italiener die Fremden, später die Menschen aus dem Balkan – heute sind sie Teil der Gesellschaft.» Dieses Muster wiederhole sich.
Gleichzeitig warnt er vor einer anderen Entwicklung: «Die eigentliche Herausforderung ist nicht das Wachstum, sondern der Rückgang der Bevölkerung.» Ohne Zuwanderung schrumpfe jede Generation in der Schweiz um einen Drittel.
Zum Schluss meldet sich Mitte-Ständerätin Marianne Binder aus der vordersten Reihe: «Die Wirtschaft hat Hemmungen entwickelt, sich in Abstimmungskämpfe einzumischen.»
Gleichzeitig macht sie klar, warum deren Stimme wichtig wäre: Migration betreffe nicht nur abstrakte Zahlen, sondern konkret Arbeitsplätze und den Alltag vieler Menschen.
Bildlegende:
Regierungsrat Dieter Egli (links) betont den Faktor Wirtschaft. Unternehmen könnten eine Schlüsselrolle spielen.
Zum Artikel in der Aargauer Zeitung