20.04.2026
Alles darf angesprochen werden
Vom Chaos im Kopf zu neuen Perspektiven:
Die Jugendberatung Region Aarau begleitet 15- bis 25-Jährige in schwierigen Lebensphasen. Unkompliziert, anonym und auf Augenhöhe. Ein Bericht.
Willkommen in der Jugendberatung Aarau
Das Beratungszimmer ist hell und freundlich eingerichtet: ein weisser Tisch, einige Postkarten, Grünpflanzen und Informationsbroschüren. Wir sind bei der Jugendberatungsstelle des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes Aarau, der durch Caritas Aargau geführt wird.
Für viele Jugendliche und junge Erwachsene ist es das erste Mal, dass sie eine Beratungsstelle betreten. Entsprechend gross kann die Anspannung sein. Wichtig ist es darum, dass die Hürden niedrig sind. Die Jugendberatung ist einfach erreichbar: Auch ohne Termin können Ratsuchende während der Öffnungszeiten vorbeikommen oder sich per WhatsApp, telefonisch oder per E-Mail anmelden. Gespräche werden flexibel vereinbart, wenn nötig auch am Abend.
Die Jugendberatung Aarau bietet freiwillige und anonyme Unterstützung für 15- bis 25-Jährige. Das Team unterstützt bei psychischen Belastungen, familiären Konflikten, Schwierigkeiten in Schule oder Ausbildung, finanziellen Fragen oder beruflicher Orientierung. Alles darf angesprochen werden. Bei Bedarf wird an spezialisierte Fachstellen vermittelt.
Vielfältige Anliegen
Die Ausgangslagen der jungen Klientinnen sind unterschiedlich. Manche junge Erwachsene benötigen konkrete Unterstützung, beispielsweise beim Ausfüllen eines Stipendienantrags oder beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen. Andere bringen komplexe familiäre oder psychosoziale Probleme in die Beratung. Einige kommen auf Anraten von Verwandten, Freundinnen, Lehrer*innen oder in Begleitung zum ersten Termin. Nicht wenige fühlen sich psychisch belastet, verunsichert, überfordert oder unter Druck.
Rabea Widmer, Sozialarbeiterin der Jugendberatung, begleitet diese Prozesse. Sie erinnert sich an eine junge Frau mit nächtlichen Panikattacken und vermindertem Selbstwertgefühl. Nach einem Ausbildungsabbruch war sie auf Jobsuche, gleichzeitig belasteten sie soziale Konflikte.
Wenn der Druck sinkt, wird Handeln möglich
«Es ist nicht ungewöhnlich, dass Klient*innen ein Konglomerat von Sorgen mitbringen. Im ersten Gespräch mit der jungen Frau haben wir deshalb ihre verschiedenen Themen erst einmal strukturiert und gemeinsam Prioritäten festgelegt», erklärt Rabea Widmer. «Wir beschlossen, zunächst ihr psychisches Befinden zu stabilisieren und dann die weiteren Themen anzugehen.»
Der Sozialarbeiterin ist es wichtig, dass die jungen Erwachsenen den Beratungsprozess von Anfang an mitprägen. In der sensiblen Lebensphase der Jugendzeit, also zwischen Ablösung, neuen Beziehungen und beruflichen Entscheidungen, fällt die Orientierung oft nicht leicht. Gemeinsam Lösungen zu entwickeln, wirkt dann bestärkend.
«Allein schon, dass jemand zuhört, kann entlastend sein.»
In weiteren Gesprächen schauten sich Sozialarbeiterin und Klientin das Selbstbild und die Ziele der jungen Frau an. Welche Stärken bringt sie mit? Sind die Albträume tatsächlich so zahlreich wie befürchtet? Schrittweise entstand mehr Klarheit. «Bereits die Erfahrung, dass jemand ihr aufmerksam zuhört, hat bei meiner Klientin eine Veränderung angestossen», sagt die Sozialarbeiterin rückblickend. Die junge Frau wurde handlungsfähiger und baute sich neue Routinen auf – später auch im Hinblick auf ihre berufliche Situation.
Armut und Sorgen in der Familie
Zur Caritas-Jugendberatung kommen auch Jugendliche, die familiäre Verantwortung tragen. «Gerade in Familien mit finanziellen Schwierigkeiten sind Eltern häufig stark beansprucht und können für ihre Kinder nicht die Stütze sein, die sie bräuchten», erklärt Rabea Widmer. Oftmals übernehmen die Kinder dann zusätzliche Aufgaben. Solche Konstellationen können überfordern. «In diesen Situationen ist ein verlässliches Gegenüber von grosser Bedeutung», sagt Rabea Widmer. In der Beratungsstelle erfahren Jugendliche, dass ihre Gefühle nicht bewertet und ihre Sorgen ernst genommen werden. Dies stärkt ihre Selbstwirksamkeit und ihre Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen.
Wichtige Beratungsprinzipien
Als Grundlage der Arbeit sieht Rabea Widmer eine empathische, wertschätzende und authentische Haltung sowie echtes Interesse. Gleichzeitig richten die Sozialarbeitenden den Blick konsequent auf vorhandene Ressourcen und konkrete nächste Schritte. Die Jugendberatung ersetzt dabei keine Psychotherapie. Es erfolgt eine Weitervermittlung, wenn diese sinnvoll oder gewünscht ist.
«Sie stellen gute Fragen!»
Für Rabea Widmer ist es zentral, dass junge Menschen sich ernst genommen fühlen und ihre Anliegen Gewicht haben. Ausserdem sollen sie erleben, dass sie ihre Entwicklung mitgestalten können. «Sie stellen gute Fragen!», durfte Rabea Widmer kürzlich von einer Klientin hören. Sich guten Fragen zu stellen, kann viel bewirken – in jedem Alter.